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THURGAU: Über die Sprache eine Heimat gefunden

Der ehemalige Asylbewerber Usama Al Shahmani kann als Beispiel einer gelungenen Integration gelten. Für entscheidend hält er die Bereitschaft, sich zu öffnen. Das gelte auch für die Gesellschaft.
Thomas Wunderlin
Usama Al Shahmani besucht gern den Frauenfelder Wochenmarkt. (Bild: Andrea Stalder)

Usama Al Shahmani besucht gern den Frauenfelder Wochenmarkt. (Bild: Andrea Stalder)

Thomas Wunderlin

thomas.wunderlin@thurgauerzeitung.ch

Er wollte nicht dasselbe Schicksal wie seine Bühnenfiguren erleiden. Usama Al Shahmani hatte ein Theaterstück verfasst, das als Kritik an der Diktatur Saddam Husseins verstanden wurde. Ein impotenter König lässt darin reihenweise Untertanen hinrichten, die sich über seine Impotenz lustig machen. Al Shahmani flüchtete, als ihm zugetragen wurde, dass ihn der irakische Geheimdienst suchte.

Bei seiner Ankunft in der Schweiz wurde er in einer Zivilschutzanlage in Aarau einquartiert, was für ihn eine erschreckende Erfahrung war. In Frauenfeld fühlt er sich heute zu Hause. Dafür war die Heirat mit einer in der Schweiz aufgewachsenen Irakerin entscheidend. Wichtig für seine Integration war ausserdem, dass er schnell Deutsch lernte. «Die Sprache gab mir auch die Möglichkeit, deutsche Literatur im Original zu lesen, mir selbst zu beweisen, dass ich mich noch spüre», schreibt er in einem letztes Jahr erschienenen Buch. Frauenfeld empfinde er nicht als die konservative Stadt, als die sie ihm beschrieben worden sei. Bei den Elternabenden der Schule erlebe er eine grosse Offenheit für andere Kulturen. Gegenüber seinen irakischen Verwandten beschreibt er die Schweiz als kleines Land, das riesengross an Freiheit und kultureller Vielfalt sei. Aber fast alle Leute klagten über ihre Arbeit. Auch in diesem Punkt ist Al Shahmani integriert: «Nur die endlosen Enttäuschungen und die Traurigkeit wegen der ruhelosen Suche nach einem Job, der zu mir passt, bedrückt mich manchmal sehr und lässt mich dann nicht mehr sehen, was ich schon erreicht habe.»

Herr Al Shahmani, als Asylbewerber wurden Sie in einem Bunker untergebracht. Dort fanden Sie es schlimmer als zuvor in Bagdad, wo Sie sich vor dem Geheimdienst verstecken mussten. Das wirkt als Kritik an der Schweizer Flüchtlingspolitik.

Ich habe es nicht als Kritik gemeint, sondern als Beschreibung der Realität, als Tatsache. Wenn jemand so abrupt alles verlassen muss und irgendwohin kommt, dann beginnt er sofort zu vergleichen. Man befindet sich mit so vielen Leuten zusammen unter der Erde. Man versteht die Sprache nicht. Man fühlt sich einsam und allein.

Sollte die Schweiz anders umgehen mit Asylbewerbern?

Die Schweiz ist materiell reich, sie hat viel anzubieten. Es wäre erfreulich, wenn sie den Asylbewerbern grosszügigere Räume zur Verfügung stellen würde. Ich glaube nicht, dass die Leute immer noch in diesem Zivilschutzbunker untergebracht werden.

Vielen Asylbewerbern gelingt die Integration nicht so gut wie Ihnen. Was läuft schief?

Integriert zu sein, ist nicht einfach. Es ist schwierig. Es ist nicht so, dass man nur die Sprache lernen muss. Integration darf man nicht auf die Sprache reduzieren. Integration bedeutet, sich zu öffnen, etwas zu geben, bereit zu sein, etwas Neues aufzunehmen, bereit zu sein, die Identität anders zu formen. Es braucht die Bereitschaft zu wollen. Wenn man es wirklich will, dann schafft man es. Dann kann man auch eine Arbeit finden. Gut integriert zu sein, ist auch unter Ausländern schwierig.

Wie meinen Sie das?

Du bist dann beispielsweise auch unter Arabern anders, nicht nur in der schweizerischen Gesellschaft. Sie kritisieren ständig, dass du wie die Schweizer tickst.

Erleben Sie das so?

Ich habe keinen Kontakt mit Arabern. Nicht deswegen, aber ich habe keine Zeit. Diese Spaltung zwischen zwei Gesellschaften, dieses Parallelleben brauche ich nicht. Ich bin gut befreundet mit vielen Schweizern und Schweizerinnen, mit Nachbarn, durch die Schule, durch meine Tätigkeiten. In diesem Rahmen bin ich zufrieden.

Manche Schweizer fürchten, die Einwanderer könnten eine Parallelgesellschaft bilden. Zu Recht?

Ich gebe jenen recht, die davor Angst haben. Es handelt sich um ein ungesundes Phänomen. Die Gesellschaft ist aber auch dafür verantwortlich, nicht nur die Migranten. Sie ist auch verantwortlich dafür, dass die Wände gegenüber Migranten nicht hochgezogen werden. Sie muss sich öffnen. Es ist ein Prozess zwischen A und B.

Sie erwähnen in Ihrem Buch Araber, die sich nicht integrieren. Einer habe Sie ausgelacht, weil Sie sich bemühten, Deutsch zu lernen. Auch das ist keine Kritik?

Ich habe geschrieben, was sie gesagt haben. Von denen, die am häufigsten sagen, dass sie nicht in der Schweiz bleiben wollen, bleiben die meisten da. Deshalb lernen sie kein Deutsch. Sie haben immer diese Vorstellung, dass sie nicht hier bleiben.

Wieso tun sie es doch?

Jeder hat seine Gründe. Aber wenn die Kinder hier aufwachsen und zur Schule gehen, die Familie zurecht kommt, dann wird es schwierig zu gehen.

Auch Sie sind geblieben.

Es kommt für mich nicht mehr in Frage, in den Irak zurückzukehren. Ich habe hier meine Familie, meine Freunde, meinen Job, meine Zukunft. Meine Kinder sind im Kantonsspital Frauenfeld geboren worden. Sie gehen hier in die Schule. Ich fühle mich hier zu Hause. Ich akzeptiere auch, dass ich fremd bin. Ich verstehe mich als Schweizer. Ich definiere mich nicht durch den Buchstaben meiner Aufenthaltsgenehmigung. Aber was heisst Schweizer? Was heisst Araber? Das heisst, dass dein Verhalten nicht in Frage gestellt wird. Ich falle jetzt nicht auf unter Schweizern, obwohl ich keinen Alkohol trinke, aber auch viele Schweizer trinken keinen Alkohol. Ich bin auch Vegetarier, das hat nichts damit zu tun, dass Muslime kein Schweinefleisch essen.

Sie pflegen auch die Schweizer Pünktlichkeit. Zu diesem Interview sind Sie eine Viertelstunde früher gekommen als vereinbart.

Ich war schon pünktlich, bevor ich in die Schweiz gekommen bin. Das habe ich als Iraker gelernt.

Aus Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten wollen Tausende nach Europa kommen. Verstehen Sie, dass man hier Angst vor ihnen hat?

Ja, ich verstehe die Angst. Die Flüchtlinge kommen in Massen, man weiss nicht, woher sie kommen, was sie wollen. Aber man muss auch verstehen, dass wir heute in einer Zeit leben, in der man sich nicht aus allem heraushalten kann, wenn es irgendwo einen Krieg gibt. Im schlimmsten Fall kostet es die Schweiz nur Material und nicht etwas anderes. Es ist eine Realität, es gibt Krieg, und es gibt Flüchtlinge, die unterwegs sind, und das hat es immer gegeben in der Geschichte. Wir sind Menschen und wir müssen Menschen bleiben. Heute bereut man sehr, dass man die Grenzen gegenüber den Juden zugemacht hat im Zweiten Weltkrieg. Ich möchte gern, dass sich dieser Fehler nicht wiederholt. Wir müssen aus der Geschichte lernen.

Sie meinen die Schweiz, die jüdische Flüchtlinge abgewiesen hat.

Ich meine nicht die Schweiz allein. Sie war nicht das einzige Land, das die Grenze zugemacht hat.

Was sollen die Gemeinden machen, die für die ihnen zugewiesenen Asylbewerber aufkommen müssen?

Ich erlebe jetzt ein gutes Beispiel. Es gibt viele Leute, die Zeit haben und sich engagieren, sie geben gratis Deutschkurse. Das finde ich sehr schön. Ich erlebe die Schweizer Gesellschaft als tolerant. Sie nimmt Rücksicht auf Leute, die etwas nicht gut verstanden haben. Aber es wäre auch schön, wenn man mehr Geduld hätte. Eine Familie kann sich nicht niederlassen, wenn die Eltern immer in der Angst leben, irgendwann ausgeschafft zu werden. Wenn man sich sicher fühlt, dann kann man lernfähig sein.

Steht da nicht ein politischer Wille dahinter? Man will die Flüchtlinge nicht zu sehr willkommen heissen.

Ja, aber wenn die Flüchtlinge da sind, sind sie eine Realität.

Man hofft zu verhindern, dass es noch mehr werden.

Wenn jemand da ist, sollte man ihm Arbeit anbieten, ihm ermöglichen, Deutsch zu lernen. Wie man das ermöglichen kann, weiss ich nicht. Ich habe das Beispiel der Ehrenamtlichen erwähnt. Ich arbeite auch ehrenamtlich, im Flüchtlingscafé Agathu in Kreuzlingen und hier in Frauenfeld. Die unbegleiteten Jugendlichen schlecht behandeln und hoffen, es spreche sich herum, dass Flüchtlinge in der Schweiz nicht willkommen seien – ich glaube nicht, dass die Schweiz mit den Leuten so umgeht.

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