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THURGAU: Todesschütze von Amriswil: Der Täter bedauert sich selber

Der Todesschütze von Amriswil versucht, einer kleinen Verwahrung zu entgehen. Vor Obergericht wirkt er konfus und wundert sich, dass er im Gefängnis sitzt.
Silvan Meile
Die Sicht aus dem Hochhaus an der Poststrasse in Amriswil auf den Parkplatz, auf dem die Schüsse fielen. (Bild: Rita Kohn)

Die Sicht aus dem Hochhaus an der Poststrasse in Amriswil auf den Parkplatz, auf dem die Schüsse fielen. (Bild: Rita Kohn)

Sechs Patronen liegen bereit. Im Morgengrauen lädt der damals 58-Jährige seinen Revolver und verlässt ungewöhnlich früh seine 1,5-Zimmer-Wohnung im Hochhaus an der Poststrasse in Amriswil. Später beobachtet er, wie sein verhasster Nachbar das Haus ebenfalls verlässt. Unbemerkt folgt er ihm auf dem Weg zum Auto.

«Hey Arschloch!» ruft er, als dieser sein Auto erreicht und die Fahrertür öffnet. Er zielt, drückt ab und trifft. Der Angeschossene versucht zu fliehen. Doch er kommt nicht weit. Auf ihn werden vier weitere Schüsse abgefeuert. «Die huere Sau. Hoffentlich verreckt sie», sagt der Schütze zu den Polizisten, die ihn später festnehmen. Am nächsten Tag stirbt sein 53 Jahre alter Nachbar im Spital. Das war Ende Oktober 2013.

Der Todesschütze will ein milderes Urteil

Der Todesschütze versucht nun, einer kleinen Verwahrung zu entgehen und die Haftstrafe zu verkürzen. Vor dem Thurgauer Obergericht verlangte sein Anwalt gestern, das Urteil des Bezirksgerichts Arbon vom März 2017 aufzuheben. Dort wurde der Amriswiler zu 12,5 Jahre Freiheitsentzug und einer anschliessenden Einweisung in eine psychiatrische Klinik verurteilt. Das Gericht wertete die Tat als skrupellosen Mord. Auch das Wort «Hinrichtung» fiel.

Die Haftstrafe soll auf 7,5 Jahre reduziert und auf die therapeutische Massnahme verzichtet werden, sagte sein Anwalt gestern. Es gehe um vorsätzliche Tötung, nicht um Mord. Sein Mandant habe sich selber das Leben nehmen wollen, sei draussen dann zufällig auf seinen Nachbarn gestossen. Die Tat sei eine Kurzschlusshandlung gewesen. «Das Strafmass wird dieser Tat nicht gerecht», argumentierte der Anwalt und verwies auf «die grosse seelische Belastung und die heftigen Gemütsbewegungen» seines Mandanten zum Zeitpunkt der Tat. Er kritisiert auch Teile des psychiatrischen Gutachtens und verlangte ein neues.

Nur der Todesschütze hört den Lärm

«Er war auf Konfrontation aus», sagte hingegen die zuständige Staatsanwältin. Der Beschuldigte habe gewusst, wann sein Nachbar zur Arbeit fuhr. Die Tötung sei geplant gewesen. «Dieser Vorfall ist als Mord zu qualifizieren.» Die Berufung sei vollumfänglich abzuweisen. Die vorgebrachte Aussage des geplanten Suizids sei erst nach einem Jahr Untersuchungshaft eingebracht worden. «Das ist als Schutzbehauptung zu werten», sagte die Staatsanwältin. Das einzige Ziel sei gewesen, den Nachbarn umzubringen. «Die Staatsanwaltschaft ist der Meinung, dass der Angeklagte dabei vorsätzlich und besonders skrupellos vorgegangen ist.» Es seien Rückfälle zu erwarten, weshalb die therapeutische Massnahme angezeigt und verhältnismässig sei.

Die Frau des Erschossenen war zum Zeitpunkt der Tat in dessen Wohnung, obwohl sie die meiste Zeit im Ausland lebte. «Sie ist noch immer traumatisiert», sagte ihr Anwalt. «Wegen des äusserst schweren Verschulden rechtfertigt sich eine Genugtuung von 100 000 Franken.»

Der Beschuldigte wirkte vor Gericht konfus: «Das ist unlogisch. Ich werde jahrelang terrorisiert und dann bin ich es, der ins Gefängnis muss». Ein psychiatrisches Gutachten attestiert ihm eine «mittelgradig verminderte Schuldfähigkeit». Er störte sich am Lärm seines Nachbarn – selbst dann, wenn dieser nicht zu Hause war. Niemand sonst konnten den Lärm hören. Dennoch bekämpfte er ihn so hartnäckig, bis ihm die Wohnung gekündigt wurde. Am Tag der tödlichen Schüsse hätte er ausziehen müssen. Das Urteil folgt schriftlich.

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