THURGAU: Schüler durch Frühfranzösisch nicht überfordert

Der Thurgauer Grosse Rat stimmt nochmals über die Abschaffung des Frühfranzösisch ab. Wie der Regierungsrat in der Botschaft schreibt, sind die Primarschüler gemäss neuster Studien mit dem Lernen von zwei Fremdsprachen aber gar nicht überfordert.

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Aus "de le" mach "du": Einblick in eine Frühfranzösisch-Stunde in Frauenfeld. (Bild: Reto Martin)

Aus "de le" mach "du": Einblick in eine Frühfranzösisch-Stunde in Frauenfeld. (Bild: Reto Martin)

FRAUENFELD. Die Sprachenfrage müsse nochmals vertieft geklärt werden, schreibt der Regierungsrat in der am Freitag veröffentlichten Botschaft zur Änderung des Volksschulgesetzes. Im Begleittext lässt Bildungsdirektorin Monika Knill durchblicken, dass die Regierung nach wie vor für die Beibehaltung des Frühfranzösisch ist.

Bereits bei der Diskussion über die Motion vor drei Jahren hatte der Regierungsrat eine Umfrage der Schulaufsicht ins Feld geführt. Diese hatte ergeben, dass die wenigsten Thurgauer Fünft− und Sechstklässler mit dem Französisch-Unterricht überfordert waren. Kaum eine Schülerin oder ein Schüler brauchte Stützmassnahmen oder musste vom Sprachunterricht befreit werden.

Sämtliche seither in der Schweiz durchgeführten wissenschaftlichen Studien seien zum gleichen Schluss gekommen. Aus pädagogischer Sicht sei nichts gegen das derzeitige Sprachenmodell 3/5 einzuwenden, schreibt der Regierungsrat.

Thurgau würde zum Sonderfall
Wenn der Kanton Thurgau den Französischunterricht in der Primarschule abschaffe, werde er zusammen mit Appenzell Innerrhoden und Uri zum Sonderfall, schreibt die Regierung weiter. Die Mobilität von Familien würde erschwert und die Anschaffung eines neuen Lehrmittels käme den Kanton teuer zu stehen.

Zudem müsse die Pädagogische Hochschule Thurgau (PHTG) weiterhin Primarlehrpersonen mit Französisch ausbilden, um interkantonal bestehen zu können. Laut Knill haben bereits viele Studentinnen und Studenten der PHTG den Französisch-Unterricht aus ihrem Programm gestrichen, nachdem das Parlament vor zwei Jahren beschloss, das Frühfranzösisch abzuschaffen.

Regierung spielt Ball zurück
Die Thurgauer Regierung hatte nach der Überweisung der Motion "Französisch erst auf der Sekundarstufe" im August 2014 zwar auftragsgemäss einen neuen Lehrplan ohne Frühfranzösisch ausgearbeitet. Bei der Vernehmlassung, die im Sommer zu Ende ging, wurde die Verschiebung des Französisch-Unterrichts in die Sekundarschule jedoch heftig kritisiert. Der Unterricht in der Oberstufe würde zu sprachenlastig und die Sekundarschüler hätten insgesamt zu viele Wochenlektionen, hiess es.

Zudem hatte die geplante Abschaffung des Frühfranzösisch im Thurgau den Sprachenstreit in der Schweiz angeheizt. Bundesrat Alain Berset griff schliesslich durch und schickte im Juli ein neues Sprachengesetz in die Vernehmlassung, welches die Kantone verpflichtet, bereits in der Primarschule eine zweiten Landessprache zu unterrichten.

Das Eingreifen des Bundes in die Bildungshoheit der Kantone lehnt die Thurgauer Regierung zwar vehement ab, wie sie am Donnerstag mitteilte. Trotzdem will Knill den folgenschweren Entscheid nochmals überdenken lassen und spielt den Ball ans Parlament zurück.

Offene Ausgangslage
Mit dem Hinweis, es brauche Rechtssicherheit, lässt sie den Grossen Rat erneut über die Sprachenfrage abstimmen. Im neu eingefügten Paragraphen heisst es: "Französisch wird als zweite Fremdsprache erste auf der Sekundarstufe I unterrichtet." Die Vorlage wird voraussichtlich im nächsten Frühling behandelt. Lehnt das Parlament die Gesetzesänderung ab, bleibt das Frühfranzösisch. Ob es zu einer Volksabstimmung kommt, ist offen. (sda)