Thurgau fördert kleine Kinder

Zur Verbesserung der Chancengleichheit präsentiert die Thurgauer Erziehungsdirektorin ein Konzept für die Förderung in der frühen Kindheit. Damit soll die Arbeit der Gemeinden und Institutionen koordiniert werden.

Thomas Wunderlin
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Regierungsrätin Monika Knill besucht eine Sprachspielgruppe in Sulgen. (Bild: pd/Markus Zahnd)

Regierungsrätin Monika Knill besucht eine Sprachspielgruppe in Sulgen. (Bild: pd/Markus Zahnd)

SULGEN. Die neun Kinder der Sprachspielgruppe essen ihren Znüni, als die Thurgauer Erziehungsdirektorin Monika Knill mit den Teilnehmern einer Medienkonferenz das Murmelhaus-Zimmer betritt. Ermuntert von der Spielgruppenleiterin Gabriela Hasler wagt sich eins ums andere zum Körbchen, um sich einen Apfelschnitz zu holen. In schweizerisch gefärbtem Hochdeutsch fordert sie Hasler auf, ihr Alter zu nennen. Zur Antwort halten sie die Hand mit drei oder vier ausgestreckten Fingern auf.

Die Sprachspielgruppe im Begegnungshaus Sulgen ist ein Beispiel für die Förderung von Thurgauer Kleinkindern, wie Knill in der Regionalbibliothek einen Stock höher erklärt. Um die Arbeit von Kanton, Gemeinden, Schulen, Kirchen und weiteren Institutionen in diesem Gebiet zu koordinieren und zu verbessern, präsentiert die Regierungsrätin ein Konzept «Frühe Förderung». Daraus abgeleitet werden 29 Massnahmen. Beispielsweise sollen fremdsprachige Eltern frühzeitig darüber informiert werden, dass es für ihre Kinder wichtig ist, vor dem Eintritt in den Kindergarten Deutsch zu lernen.

Weiter sollen Tagungen organisiert, Netzwerke ausgebaut und ein Masterstudiengang Frühe Kindheit angeboten werden. Zur Umsetzung des Konzepts will der Regierungsrat in den nächsten vier Jahren etwas mehr als eine Million Franken ausgeben. Das Geld entnimmt er dem bisherigen Budget der Fachstelle für Kinder-, Jugend- und Familienfragen, sofern der Grosse Rat zustimmt.

Das Dorf definiert

Gemäss Knill zeigt das Konzept, wer das Dorf ist – gemäss dem afrikanischen Sprichwort: «Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf.» Das Ziel sei, den Kindern einen chancengerechten Start ins Schulsystem zu ermöglichen, also nicht um Begabtenförderung. «Es geht nicht um Frühchinesisch oder Geigenspielen mit anderthalb Jahren.» Damit Eltern die Angebote annehmen, müssen sie laut Knill eine hohe Qualität aufweisen: «Die Eltern vertrauen der Beratung oder der familienergänzenden Betreuung nur, wenn darauf Verlass ist.»

Das Konzept frühe Kindheit konkretisiert drei andere Konzepte zu Familienpolitik, Integration und Gesundheit. Bei der Erarbeitung waren praktisch alle Stellen involviert, die irgendwie mit kleinen Kindern zu tun haben, um es möglichst breit abzustützen. Das scheint gelungen zu sein. Die Verbände der Gemeinden und Schulgemeinden stehen dahinter, wie die beiden Präsidenten erklären. «Ich empfehle es den Gemeinden wärmstens», sagt Kurt Baumann vom Verband Thurgauer Gemeinden. Die frühe Förderung sei nicht zum Nulltarif zu haben, weshalb ihr viele Gemeinden möglicherweise kritisch gegenüber stünden. Den Nutzen der frühen Förderung sieht Baumann darin, dass sie letztlich zu einer besseren Gesellschaft führt. Die «öffentlichen Reparaturwerkstätten» wie Kesb und Berufsbeistände bekämen weniger Arbeit.

Hebammen in Bereitschaft

Ein von Baumann erwähntes Beispiel früher Förderung betrifft den Verein der rund 30 frei praktizierenden Hebammen im Kanton. Neu erhält er von allen Gemeinden pro Jahr 15 Rappen pro Einwohner, um die Versorgungspflicht der Wöchnerinnen zu gewährleisten. Die flächendeckende Versorgung sorge für «frühe Chancengleichheit». Wichtig ist es Baumann, dass die Eltern «in allererster Linie» die Verantwortung für die Erziehung und Förderung ihrer Kinder haben. Die junge Disziplin der frühen Förderung müsse nicht primär neue Angebote schaffen, sondern Bestehendes vernetzen und breiter abstützen.

Die Volksschule übernimmt erst ab dem vierten Lebensjahr Verantwortung, sagt Felix Züst, Präsident des Verbands Thurgauer Schulgemeinden. «Für uns ist es wichtig, dass die frühe Förderung greift.»

Die Integration Fremdsprachiger ist nur ein Aspekt der frühen Förderung. Ein weiterer ist die motorische Entwicklung, wie sie laut Züst im Muki-Turnen gefördert wird. Wie wichtig diese ist, hat Knill in einem Hinterthurgauer Waldkindergarten beobachtet: «Einige Kinder sind wie auf Eis durch den Wald gegangen.»