THURGAU: Fall Kümmertshausen: Kronzeuge will Mordopfer um Verzeihung bitten

Beim Mammutprozess in Thurgau geht es seit Montag um das brutale Tötungsdelikt an einem IV-Rentner in Kümmertshausen. Laut dem Kronzeugen wurde der Mann getötet, um Geschäfte im Drogen– und Menschenhandel zu vertuschen.

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In dieser Liegenschaft wurde das Opfer umgebracht. (Bild: NANA DO CARMO)

In dieser Liegenschaft wurde das Opfer umgebracht. (Bild: NANA DO CARMO)

Das Tötungsdelikt geschah vor knapp sieben Jahren. Ein 53-jähriger Mann wurde tot in seinem Einfamilienhaus im abgelegenen Weiler Löwenhaus in Kümmertshausen gefunden. Der IV-Rentner war durch eine brutale Knebelung gestorben. Die Tat gab wochenlang Rätsel auf.

Während der Strafuntersuchung stiess die Polizei auf eine kriminelle Organisation aus türkisch-kurdischen Kreisen, die von St.Gallen aus operierte. Laut Anklageschrift lebten deren Mitglieder von Drogenhandel, Erpressungen und Menschenschmuggel. Den vier Hauptbeschuldigten wirft die Staatsanwaltschaft vor, den IV-Rentner zum Schweigen gebracht zu haben, weil er gedroht hatte, zur Polizei zu gehen.

Was an jenem Novemberabend in dem Weiler bei Kümmertshausen genau vorging, ist unklar. Bei der Rekonstruktion des Tathergangs stützten sich die Untersuchungsbehörden auf die Aussagen eines 39-jährigen Türken ab. Vor Gericht beteuerte der Kronzeuge am Montagmorgen erneut seine Unschuld und schob die Schuld andern Bandenmitgliedern zu.

Drogen gesucht

Der Kopf der Bande − ein 47-jähriger Iraker − habe zwei Männer angeheuert, welche den IV-Rentner aus dem Weg räumen sollten. Diese Männer fuhr der 39-Jährige im Auftrag des Chefs einen Tag vor der Tat zum Haus des IV-Rentners. Was die beiden Männer bei dem Haus machen sollten, habe er damals nicht gewusst, sagte der Türke vor Gericht. Er habe angenommen, dass es um Heroin ging, welches der IV-Rentner im Auftrag des Bandenchefs aufbewahrte. "Ich ging nur aus Neugierde mit."

Zwei Mal sei er mit den beiden Männern zum Haus gefahren. Beim ersten Mal sei der Bandenchef in einem andern Auto voraus gefahren und habe ihnen das Wohnhaus gezeigt. Er sei mit den beiden Männern zur Haustür gegangen und habe unter dem Vorwand, Drogenhanf kaufen zu wollen, geklingelt. Der IV-Rentner habe sie jedoch weggeschickt. Er habe die Männer davon abgehalten, ins Haus einzudringen und sei mit ihnen wieder weggefahren.

Opfer brutal überfallen

Als die Männer nach einem weiteren Versuch am nächsten Tag erneut unverrichteter Dinge nach St.Gallen zurückkehrten, nahm laut dem Beschuldigten ein weiteres Bandenmitglied − ein 53-jähriger Türke − die Sache in die Hand. Der 53-Jährige fuhr die beiden Männer nach Kümmertshausen, blieb aber beim Auto. Der 39-Jährige fuhr mit.

Er sei erneut mit den beiden Männern zum Haus gegangen, sagte der 39-Jährige bei der mehrstündigen Befragung "Sofort gingen die beiden auf den Mann los. Ich wollte sie zurückhalten, aber ich war nicht stark genug", sagte der Kronzeuge.

Weil das Opfer schrie, habe einer ihn mit einer Jacke zum Schweigen gebracht und sei auf den Mann draufgekniet. Der andere sei ins Haus gegangen und habe nach Drogen und Geld gesucht. Er sei ihm nachgegangen, habe jedoch Angst gehabt, dass der Mann eine Waffe haben könnte. "Ich hatte Angst und wollte fliehen", sagte der 39-Jährige.

Als er wieder rausging, sei das Opfer reglos am Boden gelegen. Sie seien mit dem Auto weggefahren. Er habe eine Ambulanz rufen wollen. Die andern hätten ihn jedoch nur ausgelacht, schilderte der 39-Jährige.

Er habe den Tod des Mannes noch immer nicht überwunden und wolle dessen Grab besuchen, um ihn um Verzeihung zu bitten, sagte der Kronzeuge weiter. (sda/san.)

Der Fall

Seit Monaten beschäftigt sich das Kreuzlinger Bezirksgericht mit den insgesamt 14 Beschuldigten, mehrheitlich türkischen Kurden aus dem Raum St.Gallen. Dabei gilt es den gewaltsamen Tod eines 53-jährigen IV-Rentners aufzuklären:

  • Der 53-Jährige wurde im November 2010 tot in seinem Haus gefunden
  • Im Laufe der Ermittlungen stellte sich heraus, dass er in Machenschaften einer kriminellen Organisation geraten war.
  • Bei der kriminellen Bande handelt es sich um mehrheitlich türkische Kurden, die sich mit Drogengeschäften, Menschenschmuggel und Erpressungen ihr Geld verdienten.
  • Vier Beschuldigten wird vorgeworfen, an der Tötung  des IV-Rentners beteiligt gewesen zu sein. Dazu gehört auch der mutmassliche Kopf der Bande, ein 47-jähriger Iraker.
  • Den Tod des IV-Rentners in Auftrag gegeben haben soll der Bandenboss. Dies, weil er Angst hatte, der 53-Jährige könnte bei der Polizei auspacken.
  • Am Abend, als der Rentner starb, fanden verschiedene Fahrten in unterschiedlicher Besetzung von St.Gallen nach Kümmertshausen statt. Das Gericht muss nun entscheiden, welcher der Männer was und wie viel zum gewaltsamen Tod des Mannes beigetragen hat. (san.)