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THURGAU: «Es sieht schnell nach Elend aus»

Der Bauernverband will über die aktuellen Tierschutzfälle informiert werden. Wir müssen auf dem Laufenden sein, damit wir wissen, welchen Tierhaltern und Tieren wir helfen können, sagt Bauernpräsident Markus Hausammann.
Silvan Meile
Markus Hausammann, Präsident des Verbandes Thurgauer Landwirtschaft, in seinem Stall in Langrickenbach. (Archivbild: Reto Martin)

Markus Hausammann, Präsident des Verbandes Thurgauer Landwirtschaft, in seinem Stall in Langrickenbach. (Archivbild: Reto Martin)

Die Tierschutzfälle beschäftigen den Thurgauer Bauernverband. Der Vorstand möchte sich deshalb mit den Verantwortlichen des Kantons an einen Tisch setzen. «Von den aktuellen Fällen wissen wir auch nur, was in den Medien steht», sagt Markus Hausammann, Präsident des Verbandes Thurgauer Landwirtschaft. So ging es ihm gestern auch im Fall Güttingen (siehe Zweittext). Schon zuvor forderte der Vorstand des Verbandes in der Publikation «Thurgauer Bauer» mit Verweis auf den Fall Hefenhofen mehr Informationen vom Kanton: «Die jährliche Sitzung mit dem Landwirtschafts- und Veterinäramt, an welcher tierschutzrelevante Fälle diskutiert werden, soll aufgrund der Ereignisse von letzter Woche vorgezogen werden», heisst es dort. Seit rund drei Jahren würden solche Besprechungen mit dem Kanton zum Thema Tierschutz und Kontrollen auf Landwirtschaftsbetrieben stattfinden, sagt Hausammann. Der diesjährige Termin sei erst im Winter angesetzt. Doch der Bauernverband möchte ihn auf den Spätsommer vorverschieben. «Wir müssen auf dem Laufenden sein, damit wir wissen, welchen Tierhaltern und Tieren wir helfen können.» Noch konnte jedoch kein Termin für ein Treffen festgelegt werden.

Die Bandbreite an Problemfällen ist sehr gross

An diesen Sitzungen werden jeweils anonymisierte Fälle auf den Tisch gelegt. Die Bauernseite bringe eher Vorkommnisse ins Spiel, in denen sich Landwirte von Kontrolleuren ungerecht behandelt fühlten, sagt Hausammann. Mängel in den Ställen bringt dann der Kanton zur Sprache. «Die Bandbreite ist da sehr gross.» Sie reiche von ungenügender Sauberkeit über unvollständige Aufzeichnungen zum Tierarzneieinsatz bis hin zu kranken und abgemagerten Tieren. «Gerade kranke Tiere brauchen aufwendige Pflege, und von aussen betrachtet sieht es unter Umständen schnell nach Elend aus, nach einem Fall für den Tierschutz», sagt Hausammann. Wer einige Tage das Bett hüten musste, könne das bei einem Blick in den Spiegel selber auch unschwer feststellen. «Ein Kontrolleur kann aber auch zum Schluss kommen, dass bei einem Tier zu lange auf gesundheitliche Besserung gehofft wurde», sagt Hausammann. Die Bauern hätten schliesslich eine emotionale Bindung zu ihren Tieren. Einzusehen, dass ein Tier nicht mehr gesund werden kann, falle nicht leicht. Der Entscheid, ein Tier deshalb einzuschläfern, werde aber in aller Regel zusammen mit dem Tierarzt gefällt.


Hinter Missständen stecken oft persönliche Probleme

An den bisherigen Sitzungen mit dem Landwirtschafts- und dem Veterinäramt sei erkannt worden, dass es durchaus Unzulänglichkeiten gebe, sagt Hausammann. Sein Verband habe erreichen können, dass die Sozialkompetenzen der Kontrolleure gestärkt worden seien. Denn meist stecke hinter Problemen im Stall auch ein persönliches Schicksal eines Bauern. Um Hilfe bieten zu können, gehe es darum, die Ursachen der Mängel zu erkennen. Das können etwa eine finanzielle Überforderung sein, zum Beispiel aufgrund der angespannten Situation in der Milchwirtschaft, familiäre Probleme oder gesundheitliche Beeinträchtigung.

«Wo wir als Verband gerufen werden, bieten wir Hilfe an», sagt Hausammann. Das kommt in einigen Fällen pro Jahr auch vor.

"Die Tiere sind nicht verendet"

Armin Griesemer aus Güttingen lässt kein gutes Haar an Landwirt Walter E., der seinen Hof bewirtschaftet. Schon mehr als einmal habe er das kantonale Veterinäramt über Tierschutzfälle informiert, sagt der pensionierte Architekt. Nichts sei geschehen. «Kantonstierarzt Witzig hat mir gesagt, ich wolle dem Bauern doch extra Schwierigkeiten bereiten», sagt Griesemer. Diese Vermutung kommt nicht von ungefähr. Seit Jahren tragen die beiden einen erbitterten Baurechts-Streit aus. Letzthin gaben die Bundesrichter in Lausanne Walter E. recht (die TZ berichtete). Ausserdem soll Griesemer – wie er selber sagt – dem Bauern noch über 600 000 Franken zahlen müssen. Das Veterinäramt hat auf die Fotos von Griesemer reagiert und führte eine unangemeldete Kontrolle durch. Resultat: «Bei der sorgfältigen Kontrolle wurden keine Mängel festgestellt.» Zudem sei der Betrieb sauber, und es waren keine verletzten oder vernachlässigten Tiere zu sehen. Dennoch hat das Veterinäramt festgestellt, dass in den letzten zwei Monaten auf dem Hof in Güttingen sechs Kühe gestorben sind.

Bauer Walter E. beschönigt die Zahlen nicht: «Ja, es waren sechs Kühe in den letzten zwei Monaten. Tiere zu verlieren, ist nie gut», sagt E. auf Anfrage. Auf dem Hof betreut er über 100 Kühe und noch etwa 40 Kleintiere. «Ich habe drei Angestellte, die das ganze Jahr bei mir arbeiten.» Er könne deshalb auch mal frei oder Ferien machen. Obwohl er einen grossen Betrieb führt, überfordert sei er nicht. Die Todesursache der Tiere nennt E. ebenfalls: «Drei hatten einen Unfall, etwa ein gebrochenes Bein, und mussten euthanasiert werden.» Eine Kuh ist bei der Geburt ihres Kalbes an inneren Blutungen gestorben. Eine musste er altershalber einschläfern. Die sechste Kuh sei eines morgens tot auf der Weide gelegen. «Der Tierarzt vermutet ein geplatztes Geschwür.» Sechs Tiere, die er verlor. Aber: «Sie sind nicht verendet.»

Dass ein Abtransport eines toten Tieres keine schöne Sache sei, das sei nicht zu bestreiten. Allerdings sehe das bei allen Bauernhöfen so aus. Beratungsresistent sei er nicht: «Ich bin in einer Beratungsgruppe und besuche Kurse.» Zudem habe seine Tochter kürzlich die Lehre zur Landwirtin abgeschlossen. Ebenso sei er öfter mit dem Tierarzt in Kontakt und tausche sich über die neusten Behandlungsmethoden aus. Er sagt auch: «Die Milchbauern haben es nicht einfach, das ist so. Ich habe jedoch keine finanziellen Probleme.» Walter E. vermutet hinter den Bildern eine Racheaktion seines Vermieters. Schon früher schickte Griesemer dem Amt für Umwelt Fotos, um E. als Umweltsünder darzustellen. Es gab Kontrollen, aber keine Beanstandung.

Christian Eggenberger, Leiter Beratung Entwicklung Innovation am Bildungs- und Beratungszentrum Arenenberg, berät Bauernbetriebe im Thurgau. Die Schwierigkeit dabei: Nur wer will, besucht einen Kurs oder lässt sich beraten. «Wir diskutieren immer wieder, wie wir Landwirte erreichen, die sich nicht selbst anmelden», sagt Eggenberger. Beratungsresistente Bauern nicht zu erreichen, bleibe das Risiko ihrer Beratungsstelle. «Wir können keine Beratung erzwingen, und letztlich muss der Bauer die Vorschläge selbst umsetzen.» Grundsätzlich sei der Thurgau sehr gut aufgestellt, was das Tierwohl und moderne Ställe betreffe. Zur Situation in Güttingen sagt Eggenberger: «Wenn Walter E. für etwa 100 Kühe drei Vollzeitangestellte hat, ist er sehr gut aufgestellt.» Zu den Unfällen sagt er: «Ich kenne die Verhältnisse vor Ort nicht. Es kann passieren, dass eine Kuh den Halt verliert und das Bein bricht. Um das zu verhindern, muss der Stallboden trittsicher sein. Bei alten Böden steigt das Verletzungsrisiko.»

Sabrina Bächi / Silvan Meile

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