THURGAU: Ein Missstand vom Hörensagen

Die anonym in Medien geäusserten Anschuldigungen gegen Befrager im Empfangszentrum Kreuzlingen werden als «unbelegt» eingestuft. Beim Bund wurden offiziell keine Vorwürfe erhoben.

Judith Meyer
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Ein Zimmer in einem Empfangs- und Verfahrenszentrum für Asylsuchende. (Bild: Gaetan Bally/KEY)

Ein Zimmer in einem Empfangs- und Verfahrenszentrum für Asylsuchende. (Bild: Gaetan Bally/KEY)

Judith Meyer

thurgau@thurgauerzeitung.ch

«Du bist dumm», «Verarsch mich nicht», oder «Ich hab die Schnauze voll. Du lügst», so sollen laut eines Artikels im «Tages- Anzeiger» Mitarbeiter des SEM bei Erstbefragungen laut anonymen Zeugen Asylsuchende angepackt haben. Ein Jahr später beruft sich das Staatssekretariat für Migration (SEM) nach wie vor darauf, dass es sich um «unbelegte Vorwürfe» gehandelt habe: «Die kolportierten Fälle, die im damaligen Artikel beschrieben werden, entstammen dem Hörensagen», sagt Lukas Rieder, SEM-Pressesprecher. Die Vorwürfe, die von anonym bleibenden Personen erhoben wurden, seien dem SEM nie vorschriftsgemäss gemeldet worden. Rieder dazu: «Wenn solch schwere Vorwürfe erhoben werden, ist es unabdinglich, dass diese den vorgesehenen und festgelegten Instanzen innerhalb des SEM gemeldet werden und zwar in einer nachvollziehbaren Form.»

Mit Schulungen auf Eskalation vorbreitet

Im vergangenen Jahr gab es laut Rieder keine Meldungen mehr in dieser Art aus Kreuzlingen, auch nicht aus anderen Empfangs- und Verfahrenszentren (EVZ). Wurde etwas in der Zwischenzeit verändert, um Mängeln bei der Befragung von Asylsuchenden zu begegnen? Rieder antwortet darauf damit, dass es, um die Qualität der Befragungen sichern zu können, unabdingbar sei, dass Kritik an den dafür vorgesehenen Stellen formuliert werde und doppelt nach: «Selbstredend wurden die Vorwürfe intern besprochen und in den verantwortlichen Kadern diskutiert.» Weil es bei Vorwürfen blieb und an das SEM keine direkten Meldungen gab, wurden auch keine Befrager des EVZ Kreuzlingen entlassen oder abgemahnt. Für Rieder ist aber dennoch klar: «Das SEM toleriert keinerlei Verhalten seiner Mitarbeiter, das gegen die Rechtsordnung oder ethische Pflichten verstösst oder gar in irgendeiner Form den Respekt vor den Asylsuchenden in Frage stellt.»

Die Kadenz der Befragungen könne in Spitzenzeiten der Asylanträge sehr hoch sein. Das kann auch die Nerven strapazieren. Befragungen können zum Teil über Stunden gehen und beinhalten nicht immer einfach zu verdauende Inhalte über Flucht- und Kriegserlebnisse, erklärt man beim SEM. Aber auch die Aufgabe an sich, nämlich möglichst detailreiche Informationen über den Asylsuchenden in der Befragung zu generieren, sei mit einem unbestrittenen Druck verbunden.

Gleiche Qualität auch bei Anstieg der Gesuche

«Die Fachspezialisten durchlaufen alle ein modular aufgebautes Grundausbildungsprogramm Asyl. Parallel dazu werden sie von ihren Vorgesetzten und Tutoren sukzessive dazu befähigt, Befragungen und Anhörungen professionell durchzuführen», sagt Rieder. Zudem fänden regelmässig Weiterbildungen zu den Themen Glaubhaftigkeitsbeurteilung und Anhörungstechnik, Anhörungen von traumatisierten Personen und Anhörungen von Minderjährigen statt. Sollte es in einer Befragungssituation zu einer Eskalation kommen, müssten die Befrager darauf mittels Schulung vorbereitet sein, sagt Rieder. Denn seit 2015 werden zu diesem Thema regelmässige Weiterbildungen angeboten. Wichtig sei die psychische Belastbarkeit der Befrager, aber auch eine überdurchschnittliche Leistungsbereitschaft, hohe Eigenverantwortung, Entscheidungsfreude und Durchsetzungsvermögen, setze das SEM bei den Kandidaten voraus, fährt Rieder weiter fort. Da es keine direkten Meldungen über fragwürdiges Verhalten von Mitarbeitern bei Befragungen gab, aber auch keine Zwischenfälle, bei denen die Sicherheit der Mitarbeitenden des EVZ Kreuzlingen gefährdet gewesen wäre, stehe dieses nun auch nicht unter spezieller Beobachtung durch das SEM.

«An der Prognose von rund 24 500 Asylgesuchen hält das SEM fest. Diese Zahl ist auch die Basis für die Planung», macht Rieder den Ausblick für die kommenden Monate und bestätigt, dass das EVZ Kreuzlingen über genügend Befrager verfüge und man auch bei einem Anstieg an Asylanträgen keine Abstriche in der Qualität machen müsse.