THURGAU: Die Harmonisierung bewirkt das Gegenteil

Die Vereinheitlichung der Baubegriffe verunsichert Behörden und Baubranche. Die neue Definition der Ausnützungsziffer erschwert die Abschätzung, wie dicht ein Quartier überbaut wird. Kritiker fordern einen Marschhalt.

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Bei Architekten und Planern herrscht eine Begriffsverwirrung. Denn die Gemeinden sind dabei, ihre Baureglemente der Interkantonalen Vereinbarung über die Harmonisierung der Baubegriffe (IVHB) anzupassen. Der Ermatinger Architekt und SP-Kantonsrat Peter Dransfeld empfiehlt in einer Einfachen Anfrage einen Marschhalt. Der vom Grossen Rat 2010 beschlossene Systemwechsel soll nochmals überdacht werden.

Auch Weinfelden ist dabei, sein Baureglement zu revidieren. Bauamt-Chef Martin Belz beurteilt das Ergebnis skeptisch: «Man hat eine Harmonisierung und Vereinfachung gewünscht, das Gegenteil ist eingetroffen.» Er bezweifle, dass es für Bauherren und Architekten einfacher werde. Als Beispiel nennt er die Definition der Dichte. Die bisher gebräuchliche Ausnützungsziffer wird abgeschafft. An ihre Stelle tritt entweder die Baumassen- ziffer oder die Geschossflächenziffer. «Beide Begriffe sind komplexer in der Berechnung und Überprüfung», sagt Belz. «Beide erlauben es nicht mehr, sich ohne grossen Aufwand ein Bild davon zu machen, was auf einem Grundstück möglich ist.»

Während der Ausnützungsziffer die Länge und Breite einer Parzelle zu Grunde liegt, kommt bei der Baumassenziffer die Höhe dazu, ausserdem gelten weitere Bestimmungen gemäss einer Norm des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA). Für die Geschossflächenziffer werden laut Belz sämtliche Nutzflächen eingerechnet: «Auch die Garage zählt dazu.» Belz vermutet, dass beim Beitritt des Thurgaus zur IVHB «die Komplexität nicht in vollem Ausmass zu erkennen» gewesen sei. Die Frage, ob die Übung abgebrochen werden sollte, will er nicht beantworten: «In Weinfelden sind wir mit der neuen Ortsplanung relativ weit.» Einen Abbruch hält er zumindest für prüfenswert: «Auch wenn dann ein Haufen Arbeit für nichts gewesen wäre.»

Nebenraum-Pflichtanteil ergibt Abstellräume

Der Kreuzlinger Bauverwalter Heinz Theus spricht von «vielen Detailproblemen», die bei der Ortsplanrevision gelöst werden mussten. Man habe aber immer einen Weg gefunden. Beispielsweise würden jetzt Investoren gerne Putz- und Abstellräume weglassen und lieber ein zusätzliches Schlafzimmer einbauen, da Nebenräume bei der Berechnung der Dichte eingerechnet werden. Um dies zu verhindern, verlange Kreuzlingen, dass zehn Prozent der Hauptnutzflächen Nebennutzflächen sein müssten.

Durch die Festlegung der Ausnützungsziffer habe man bisher eine bestimmte Baustruktur in einem Quartier erhalten. So habe eine Ausnützungsziffer von 0,7 dreigeschossige Bauten ergeben. Nun müsse man umrechnen. Es müsse sich zeigen, ob die neuen Bestimmungen wieder eine homogene Quartierstruktur auf der Basis des Dichtemasses ermögliche. «Wir Bauverwalter müssen ein neues Gefühl dafür entwickeln.» Theus sieht den Vorteil der IVHB darin, dass Architekten und Planer in der ganzen Schweiz dieselben Begriffe antreffen.

Allerdings sind nicht alle Kantone der IVHB beigetreten; vor allem das grosse Zürich zieht nicht mit. (wu)

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