THURGAU: "Der Wolf muss weg"

Ein Raubtier hat in Hohentannen, Uesslingen und Andelfingen sechs Schafe getötet. Weitere mussten wegen massiver Verletzungen geschlachtet werden. Kleintierhalter werden aufgerufen, die Umzäunungen zu überprüfen.

Silvan Meile
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Geliebt und gefürchtet: der Wolf. (Bild: LAURENT GILLIERON (KEYSTONE))

Geliebt und gefürchtet: der Wolf. (Bild: LAURENT GILLIERON (KEYSTONE))

Gleich auf mehreren Thurgauer Schafweiden bot sich in den vergangenen Tagen ein blutiges Bild. Anfangs Woche riss ein Raubtier im Raum Hohentannen auf zwei verschiedenen Weiden vier Schafe. Weitere erlitten so massive Verletzungen, dass sie eingeschläfert beziehungsweise geschlachtet werden mussten. In der Nacht auf Donnerstag fand dann wohl das gleiche Raubtier in je einer Schafherde in Uesslingen und im zürcherischen Andelfingen seine Beute. Es tötete dabei nochmals zwei Schafe und verletzte weitere, die ebenfalls geschlachtet werden mussten. 

Nach 200 Jahren ist der Wolf nun wohl zurückgekehrt
«Aufgrund der Rissbilder kommt ein einziger Wolf dafür in Frage», sagt Roman Kistler, Chef der Jagd- und Fischereiverwaltung des Kantons Thurgau. Dutzende Kilometer könne ein Wolf in nur einer Nacht zurücklegen. Ob hingegen allenfalls auch ein Hund für einen Vorfall verantwortlich ist, könne noch nicht abschliessend gesagt werden. Einen definitiven Nachweis soll die Auswertung genetischer Proben erbringen. Resultate werden aber erst in einigen Wochen erwartet. Dann herrscht auch Klarheit darüber, ob die drei Schafsherden vom gleichen Tier angegriffen wurden. 

Vieles deutet bereits heute auf einen Wolf als Täter hin. Füchse und Luchse könnten gemäss Thurgauer Jagdverwaltung definitiv ausgeschlossen werden. «Es könnte sich um einen im Vorjahr geborenen Jungwolf handeln, der sich auf Wanderschaft begeben hat», schreibt die Zürcher Kantonsverwaltung in einer Medienmitteilung über die tödlichen Bisse in Andelfingen. Auch der Thurgauer Jagdverwalter vermutet einen Wolf. Unter den gerissenen Schafen seien auch ausgewachsene Muttertiere mit einem Gewicht von rund 80 Kilogramm, die nebst Bissen Knochenbrüche und gar einen Bruch der Wirbelsäule aufweisen. «Das bringt ein Hund normalerweise nicht fertig», sagt Kistler. Um das Jahr 1800 sei im Thurgau der letzte Wolf beobachtet worden. In dieser Woche ist er wohl nach mehr als 200 Jahren wieder zurückgekehrt. 

Schafzüchter fordert bereits den Abschuss
«Der Wolf muss weg», sagt Werner Mazenauer aus Altnau. Der Präsident der Schafzuchtgenossenschaft Oberthurgau plädiert für den Abschuss von Wölfen. «Unsere Vorfahren haben den Wolf ausgerottet, weil er zu viel Schaden angerichtet hat.» In der heute deutlich dichter besiedelten Landschaft habe es noch weniger Platz für dieses Tier. Doch stattdessen gebe man derzeit viel Geld aus, um das Raubtier wieder anzusiedeln. Mazenauer bezeichnet das als Wohlstandserscheinung.

«Die Schafzüchter sollen zuerst ihre Herden richtig schützen, bevor sie zum Abschuss aufrufen», sagt Christina Steiner, Präsidentin des Vereins CH-Wolf, der sich für den Schutz der Wölfe einsetzt. Zu einer wirkungsvollen Sicherung der Schafherde gehörten ein stabiler Elektrozaun und allenfalls ein Herdenhund. Der Abschuss sei die letzte Massnahme und komme höchstens dann zum Zug, wenn der Wolf gelernt habe, die Schutzmassnahmen zu umgehen. «Wir müssen lernen, mit diesen Tieren zu leben», sagt Steiner. Das einheimische Tier habe ein Recht auf seinen Lebensraum.

Risse des Wolfs werden finanziell entschädigt
Auch Kistler empfiehlt, Schafherden mit einem Zaun und ausreichender elektrischer Spannung zu schützen. Wo immer möglich, sollen die Tiere über Nacht in einem Stall gehalten werden. Der Wolf ist vom Bund grundsätzlich unter Schutz gestellt. Zeigen die Auswertungen der genetischen Proben, dass tatsächlich ein Wolf eine blutige Spur durch den Thurgau zog, werden die betroffenen Schafsbesitzer finanziell entschädigt. 300 bis 400 Franken gebe das pro Schaf, weiss Mazenauer. «Das deckt den Schaden niemals», sagt er. Ein Zuchtschaf sei etwa 800 Franken wert.