THURGAU: Der Rollentausch

Im Rahmen der Schultheatertage Ostschweiz spielen Schüler im Theaterhaus Thurgau in Weinfelden eigene Stücke. Sie setzen sich auch ins Publikum und bewerten andere.

Sebastian Keller
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Fünftklässler aus Tägerwilen führen ihr selbstentwickeltes Stück «Schwänzen und der Hauptgewinn» auf. (Bild: Reto Martin)

Fünftklässler aus Tägerwilen führen ihr selbstentwickeltes Stück «Schwänzen und der Hauptgewinn» auf. (Bild: Reto Martin)

Die Gedanken tragen Turnschuhe. Sie können aufstehen, sprechen. Die Gedanken sind vier Fünftklässler aus Frauenfeld, die mit ihrer Klasse ihr Theaterstück aufführen. Sie stehen immer dann auf, wenn die Person, deren Gedanken sie sind, etwas denkt. Damit greifen die Schüler tief in die Trickkiste des Theaters. Auch bei einer nächsten Szene bemühen sie ein theatralisches Stilmittel: Die Figur Peter schwimmt im Meer, farbige Tücher symbolisieren Wellen. Eine Altenpflegerin gibt Peter eine Spritze, sie ist gross wie ein Stabstaubsauger. «Ich hatte einen Albtraum», berichtet er am Morgen seinem Besucher Martin. Wie sich am Ende des Stückes zeigt, war der Traum eine Vorahnung mit üblen Nachwirkungen.

Blick in den Rückspiegel gehört dazu
Hier ist es wie im echten Theater – und in der Schule. Gerade ist Pause. Petra Cambrosio erzählt im Foyer, um was es geht. «Wer zuschaut, spielt – wer spielt, schaut zu.» Sie ist Co-Projektleiterin der Schultheatertage Ostschweiz. Diese gehen heuer zum dritten Mal über Bühnen der Ostschweiz. Die Klassen entwickeln die Theaterstücke selber – begleitet von einer Fachperson in Theaterpädagogik. Erstmals sind Klassen aus Appenzell Innerrhoden dabei. Vorgegeben ist einzig das Thema: Sinn. Und: «Als Requisiten sollen die Klassen nicht mehr einsetzen, als sie im Zug mitnehmen können.» Zum Konzept gehört nach jedem Stück ein Blick in den Rückspiegel – zusammen mit dem Publikum. Thematisiert werden die eingesetzten Requisiten, die Sprache, die Musik. «Die Rückmeldungen der Kinder sind sehr schön», sagt Petra Cambrosio. Zu beobachten sei, dass die Schüler und die Klassen bei diesem Theaterprojekt auf vielen Ebenen profitieren – etwa auf der sozialen. «Einige Schüler werden selbstsicherer.»

Die Scheinwerfer leuchten wieder. Die Fünftklässler aus Frauenfeld sind jetzt das Publikum ihrer Altersgenossen aus Tägerwilen. Ausgangspunkt ist das Schulzimmer. Dort langweilen sich die Schüler. Sie betrachten den Stoff, der vermittelt wird, als unnötigen Ballast im Rucksack des Lebens. Das verdeutlicht auch der Satz einer Schülerin, die eine Schülerin spielt: «Schule schwänzen ist mein Lieblingsfach, sogar noch vor der Pause.» In einer Städtereise, die eine Mischung aus «Zurück in die Zukunft» und «Star Trek» ist, realisieren die Schüler, dass sie im Unterricht auch Nützliches vermittelt bekommen. So wären sie froh, wenn sie am Eingang zum Buckingham Palace Englisch verstünden, oder wenn ihre mathematischen Fähigkeiten beim Geldwechseln in Rom ausgeprägter wären. In Moskau stehen sie mit ihrem Wissen an, wie ein Stadtplan zu lesen ist.

Die Requisiten-Vorgabe hat die Klasse aus Tägerwilen elegant gelöst. Sie setzen sich selber als Gegenstände ein. Sind mal Wandtafel, mal Glücksrad, mal Statue, mal Hund. Diese Idee wird vom Publikum beim Blick in den Rückspiegel gelobt. Die Gedanken klatschen. Und sie stampfen vor Begeisterung mit den Turnschuhen auf den Boden.