THURGAU: Auf Besuch im Schloss

Gabriele Keck hat die Ausstellung im Schloss Frauenfeld neu konzipiert. Die Besucherzahlen zeigen, dass sie auf dem richtigen Weg ist. Als neuen Standort des Historischen Museums würde die Direktorin Frauenfeld vorziehen.

Thomas Wunderlin
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Die Direktorin des Historischen Museums, Gabriele Keck, blättert in einem Faksimile des Graduales von St. Katharinental. (Bild: Donato Caspari)

Die Direktorin des Historischen Museums, Gabriele Keck, blättert in einem Faksimile des Graduales von St. Katharinental. (Bild: Donato Caspari)

Thomas Wunderlin

thomas.wunderlin

@thurgauerzeitung.ch

Ein Page träumt von einer Ritterkarriere. Seine Schwärmereien bekommen Besucher des Historischen Museums zu hören, wenn sie die Waffenkammer im Keller betreten. Drei Minuten dauert das Kurzhörspiel. An weiteren Stationen im Schloss Frauenfeld kommen ein Knecht, eine Köchin und eine Kammerjungfer zu Wort. Der Gehörsinn der Besucher wird angesprochen, auch wenn das Geld für Audioguides nicht gereicht hat.

Vom Historischen Museum Bern her hatte Gabriele Keck klare Vorstellungen davon, wie Museen heute funktionieren. Als sie nach Frauenfeld wechselte, begann die wirblige neue Direktorin die Dauerausstellung neu zu konzipieren. Sie war in ihren Grundzügen unverändert, seit das Historische Museum Thurgau 1960 im Schloss Frauenfeld eröffnet worden war. Das verwinkelte Gebäude mit Balkendecken, Holzböden und Butzenscheiben bietet keinen neutralen Rahmen für eine Ausstellung. Das Schloss ist übermächtig, wobei es ein Besuchermagnet ist. «Es ist unser Hauptobjekt», sagt Gabriele Keck. «Dafür müsste man eigentlich nicht viel machen.»

Aber es geht um die Inhalte, und die beweglichen Stücke müssen ansprechend präsentiert werden, sonst interessieren sich die Besucher nicht dafür. Keck hat deshalb schwarze Stelen aus Faserplatten mit integrierten Vitrinen angeschafft. Die Stelen sollen «einen Kontrast zum Mittelalter» schaffen. Die Preziosen werden optimal beleuchtet, lagern in klimatisierter Atmosphäre und sind diebstahlgesichert.

Kurze Begleittexte erklären das Gezeigte. Weitere Informationen sind über Touchscreenbildschirme zu finden, die von den Besuchern intensiv genutzt werden. «Detaillierte Hintergrundinformationen können ­damit natürlich nicht geboten werden», sagt Gabriele Keck. Das Kuratorenteam prüfe deshalb ein zusätzliches Angebot. Nicht ein teurer Audioguide soll es sein, sondern vielleicht eine App, die das Smartphone der Besucher nutzt. Da Museen heute soziale Treffpunkte sind, gibt es im Hochparterre einen Bücherladen mit Kaffeemaschine. Zum zeitgemässen Angebot gehört das Gratis-WLAN für Besucher.

Von Dauerausstellung ist nicht mehr die Rede

Den Begriff «Dauerausstellung» hat Keck sich selbst und ihren Mitarbeitern verboten. «Das klingt langweilig», sagt die Kunst- und Mittelalterhistorikerin. Die «Schlossausstellung», wie die Schau offiziell heisst, erzählt, wie der Thurgau nach 1415 allmählich zu einem eidgenössischen Untertanengebiet wurde. Ein Raum ist der Reformation gewidmet, deren 500-Jahr-Jubiläum 2017 begangen wird und Teil des neu konzipierten Vermittlungsangebots ist. Auch die Frauenfelder Stadtgründung wird gezeigt. Für die neuere Thurgauer Geschichte ab dem 18. Jahrhundert ist aber kein Platz.

Bei der «Schlossausstellung» handelt es sich um die leicht veränderte Sonderausstellung «Zankapfel Thurgau» zum Konstanzer Konzilsjubiläum, die von September 2015 bis Januar 2016 gezeigt wurde. Nur einige Leihgaben sind weg. Dazu gehört das Graduale von St. Katharinental, eine der kostbarsten Handschriften der Schweiz. Auch der Kappeler Landfrieden von 1531 war im Original in Frauenfeld zu sehen. Damit wurde das Nebeneinander beider Konfessionen im Thurgau begründet. Nun sind die beiden Objekte wieder im Landesmuseum beziehungsweise im Zürcher Staatsarchiv. In Frauenfeld sind sie als aufwendig hergestellte Faksimile zu sehen, schöner als die Originale.

Kunstschätze aus dem Thurgau sind weltweit in namhaften Museen ausgestellt, wohl mehr als aus jedem andern Kanton. Denn der Thurgau versuchte im 19. Jahrhundert, mit den Gütern der aufgehobenen Klöster die leere Staatskasse zu füllen. Dennoch sind auch im einstigen Sitz des Landvogts, dem Schloss Frauenfeld, zahlreiche Originale zu besichtigen. Dazu zählen der silbern und golden glänzende Krummstab des Abts Placidus von Fischingen, die Mitra des Abts von Kreuzlingen und der Feldbacher Flügelaltar.

Mit einem Budget von annähernd 1,7 Millionen Franken und 700 Stellenprozenten kann man nicht mit dem Landesmuseum konkurrieren. Das Historische Museum Thurgau hat aber auch eine andere Aufgabe. Es widmet sich der Regionalgeschichte. National- oder gar Weltgeschichte ist nur am Rand ein Thema. Bei der Qualität will sich die Direktorin jedoch keine regionale Beschränkung auferlegen: «Die Vermittlung muss professionell sein. Da wollen wir uns an den Grossen ein Vorbild nehmen.»

Die Besucherzahlen deuten an, dass sie auf dem richtigen Weg ist. Nach dem Spitzenwert von 13'860 Besuchern 2015 werden es dieses Jahr rund 17'000 Besucher sein. Dazu beigetragen hat, dass 2016 gleich zwei Sonderausstellungen zu sehen waren und das Schaudepot St. Katharinental, eine Aussenstelle des Historischen Museums, einen regelrechten Boom erlebt hat. Das Publikum wurde auch angezogen durch die zahlreichen Begleitveranstaltungen zu den Sonderausstellungen.

Als Ausstellungsort für neuzeitliche Themen hat Gabriele Keck das Alte Zeughaus in Frauenfeld etabliert. Für eine permanente Ausstellung ist der unbeheizte und ungesicherte Raum laut Keck ungeeignet. Sie hofft auf den Neubau des Historischen Museums, den der Regierungsrat seit einigen Jahren erwägt. Dort könnte sie die neuere Geschichte des Kantons Thurgau nicht nur als Sonderschau zeigen.

In den letzten Jahren wurden verschiedene Standorte für einen Neubau erwogen. In den letzten Monaten intensivierte sich die Diskussion. Mittlerweile hat sie an Brisanz verloren, da der Regierungsrat den Neubau des Kunstmuseums zur ersten Priorität erklärt hat.

Für ideal hielte Gabriele Keck den Museumsbau, der im Siegerprojekt des Frauenfelder Stadtentwicklungswettbewerbs vorgesehen ist. Zu stehen kommen soll er auf dem Ostteil des Oberen Mätteli am Schweizerhofkreisel. Es handle sich um die «erste realistische Chance» für einen neuen Standort des Historischen Museums: «Er würde viele infrastrukturelle Probleme lösen.» Die Lage beim Bahnhof und neben dem Staatsarchiv sei zudem optimal; die andern kantonalen Museen lägen nahe.

Anderswo als in Frauenfeld müsste das Historische Museum zuerst sein Publikum suchen. Mit ihrem jetzigen Kommunikationsbudget von 70'000 Franken hält das Gabriele Keck nicht für machbar. Das jetzige Publikum kommt, wie Befragungen zeigen, zur Hälfte aus Frauenfeld und Umgebung. Aus Winterthur finden mehr Besucher den Weg ins Schloss Frauenfeld als aus dem Oberthurgau. Ein Neubau sei immer günstiger als der Umbau eines bestehenden Gebäudes. Deshalb wäre die Umnutzung des Massivlagerhauses Romanshorn wohl zu teuer gewesen, meint Keck. In Romanshorn wäre es auch schwierig, ein Publikum zu finden. «Deutsche kommen nicht mit der Fähre ins Historische Museum Thurgau.» Ausländische Besucher würden sich eher für ein thematisches Museum oder ein Kunstmuseum interessieren.