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THURGAU: «Abdankung wird zur Privatsache»

Jeder, der von einem Verstorbenen Abschied nehmen will, sollte dazu Gelegenheit haben, sagt der evangelische Pfarrer Hans Martin Enz aus Arbon. Immer öfter aber steht nur die engste Familie am Grab.
Markus Schoch
Hans Martin Enz Pfarrer in Arbon (Bild: Reto Martin)

Hans Martin Enz Pfarrer in Arbon (Bild: Reto Martin)

Neuerdings finden Abdankungen auf Wunsch der Familie oder des Verstorbenen selbst nur noch im engsten Familienkreis statt. Ein evangelischer Pfarrer beobachtet diesen Trend mit Sorge.

Herr Enz, warum stört es Sie, dass zunehmend Abdankungen im engsten Familienkreis stattfinden?

Hans Martin Enz: Hauptsächlich deshalb, weil alle, die Abschied von einem Verstorbenen nehmen wollen, Gelegenheit dazu haben sollten. Wenn das jemand nicht tun kann, leidet er unter Umständen sehr darunter. Mir jedenfalls sind solche Fälle bekannt.

Was sind die Gründe für eine Abdankung im engsten Kreis?

Enz: Einige denken: Die andern wollen sowieso nicht kommen. Das bezweifle ich allerdings. Und viele halten eine Abdankung für eine Privatsache. Oft höre ich: Wir brauchen niemanden, der zum «Gwundere» kommt.

Hans Martin Enz Pfarrer in Arbon (Bild: Reto Martin)

Hans Martin Enz Pfarrer in Arbon (Bild: Reto Martin)

Was entgegnen Sie dann?

Enz: Ich empfehle der Trauerfamilie, das in Kauf zu nehmen. Zum einen, weil es nicht viele sind, die nur aus «Gwunder» kommen. Und zum anderen, weil es guttut zu sehen, dass unter Umständen auch viele andere, mit denen sie vielleicht gar nicht gerechnet haben, im guten Sinn an die verstorbene Person denken.


Mit diesem Einwand stossen Sie aber auf taube Ohren?

Enz: Nicht immer, aber häufig. Weil ich leider erst dazukomme, wenn der Entscheid bereits gefallen ist. In diesem Jahr wünschte rund die Hälfte aller Trauerfamilien, die ich begleiten durfte, eine Abdankung im engsten Familienkreis. Zwei konnte ich noch umstimmen. Manchmal haben sie gar keine Wahl.

Wie meinen Sie das?

Enz: Zuweilen verfügt ein Verstorbener, dass er bestimmte Personen bei der Beerdigung nicht dabeihaben will. Ich finde das falsch: Letztlich muss es auch für die Hinterbliebenen stimmen, die ein Wort mitreden können müssten. Sie sind es ja, die am Grab stehen. Und mit den Nachbarn weiterleben. Es ist darum wichtig, dass man frühzeitig in der Familie darüber redet, und nicht für die eigene Beerdigung etwas ganz allein bestimmt.

Zeigt sich da ein Trend zur Individualisierung?

Enz: Auf jeden Fall. Das habe ich gemeint, als ich sagte, die Abdankung werde zur Privatangelegenheit.

Müsste die Kirche vielleicht die Abdankung zur öffentlichen Angelegenheit erklären?

Enz: Ich würde einen solchen Schritt begrüssen. Ich habe sogar in früheren Zeiten in der Appenzeller Landeskirche einen Versuch in diese Richtung unternommen. Ich hatte mit meinem Vorstoss jedoch nicht den Hauch einer Chance, in der Kirchenordnung festzuschreiben, dass jede Beerdigung öffentlich ist.

Warum versagt man Ihnen die Unterstützung?

Enz: Man wollte niemanden vor den Kopf stossen. Diese generelle Befürchtung der Verantwortlichen in den Kirchgemeinden war damals vor zwanzig Jahren wohl noch stärker ausgeprägt als heute. Ich selber bin nach wie vor überzeugt, dass die Kirche selbstbewusster auftreten müsste, auch beispielsweise im Religionsunterricht. Wir machen die Angebote und bestimmen die Spielregeln. Natürlich kann man bei uns auch Wünsche anbringen. Wir berücksichtigen sie, soweit sie nicht unseren Grundgedanken widersprechen. Man muss es so sehen: Die Menschen wollen etwas von uns, und nicht wir von ihnen. Wir bieten das an, was wir können und was nach unserer Erfahrung hilfreich ist.

Gibt es für Sie allenfalls gute Gründe für eine Abdankung im engsten Familienkreis?

Enz: Theoretisch ist für mich der Fall denkbar. Ich müsste aber weit suchen, einen triftigen Grund zu finden. Selbst wenn sich jemand das Leben genommen hat, spricht das nicht gegen eine öffentliche Abdankung. Durch sie lässt sich vieles an Negativem auffangen.

Muss man den Willen der Hinterbliebenen nach einer Abdankung im engsten Kreis respektieren? Oder darf man gehen, ohne eingeladen zu sein?

Enz: Hatte jemand eine enge Beziehung zu einem Verstorbenen und würde gerne bei der Beerdigung dabei sein, die im engsten Familienkreis stattfindet, empfehle ich, Kontakt mit der Trauerfamilie aufzunehmen und zu fragen, ob man kommen könne.

"In diesem Jahr wünschte rund die Hälfte aller Trauerfamilien, die ich begleiten durfte, eine Abdankung im engsten Familienkreis", sagt der Arboner Pfarrer Hans Martin Enz. (Bild: fotolia)

"In diesem Jahr wünschte rund die Hälfte aller Trauerfamilien, die ich begleiten durfte, eine Abdankung im engsten Familienkreis", sagt der Arboner Pfarrer Hans Martin Enz. (Bild: fotolia)

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