Thurflussfahrt

Olma-Krimi von Daniel Badraun – fünfter Teil

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Schwindelfrei war ich noch nie. Und das Abseilen vom Stählibuckturm ist nichts, was ich empfehlen könnte. Aber es ist immer noch besser, als von den Mitgliedern einer Motorradgang über die Brüstung geworfen zu werden. So schlucke ich leer und folge Simona in die Tiefe, erst gleite ich langsam am Seil hinunter und mache alle paar Meter einen Sicherheitsstopp. Dann, mutiger geworden, lasse ich es sausen und stehe wenig später am Boden neben dem Turm.

«Wir müssen weg!», ruft sie und läuft hinüber zu ihrem Rad, das am Waldrand steht.

Als ich bei meinem Velo bin, sehe ich unsere Verfolger die Treppe hinunterkommen. Auf der Strasse haben wir keine Chance, da werden uns die Motorräder schnell einholen. Ausserdem ist von der Stadt her eine Polizei- sirene zu hören. So biegen wir in einen Forstweg ein. Wir sind noch nicht weit gekommen, da werden hinter uns Motoren gestartet.

Die Polizeisirene verstummt, sicher sind die Beamten beim Turm angekommen, um dort nach dem Rechten zu sehen. Dafür wird das Brummen der Harleys lauter. Als ich zurückschaue, sehe ich, wie sich die Verfolger schnell nähern.

«Nach links!», rufe ich Simona zu und biege in einen schmalen Pfad ein, der zwischen den Bäumen verschwindet.

Äste schlagen mir ins Gesicht, Wurzeln und Steine schütteln mich gehörig durch, Wasser spritzt auf, als wir einen Bach durchqueren. Das Motorengeräusch wird leiser und verstummt dann weit hinter uns, bald hört man nur noch Krähen und den Ruf des Eichelhähers.

Spaghetti wie bei Muttern

Beim Plättli-Zoo verlassen wir den Wald.

«Wir könnten den Löwen guten Tag sagen. Oder sind die schon an der Olma?»

Simona schaut sich um. «Erst brauchen wir ein Versteck. Die werden nicht so schnell aufgeben.»

Auf Schleichwegen durchqueren wir die Stadt. Wenn wir ein Motorrad hören, verstecken wir uns in einer Einfahrt. So kommen wir am frühen Nachmittag in unsere Wohnung. Von Mina keine Spur. Ich ziehe unser Bett ab und wasche das versaute Leintuch nach der Vorschrift der Entführer. Simona kocht Spaghetti und räumt die Küche auf, so, als wäre sie hier zu Hause.

«Familienrezept», verrät sie, als ich meine Portion weggeputzt habe, dann macht sie sich an den Abwasch und ich hole die Wäsche aus dem Tumbler. «Ein Nickerchen wäre jetzt super.» Sie liegt auf der Couch und tippt auf ihrem Handy herum. Man könnte meinen, es sei alles gut und wir hätten keinerlei Probleme.

Als ich den Vorhang zuziehen will, sehe ich, wie die Motorradfahrer von heute Morgen in unsere Strasse einbiegen. «Aufstehen. Wir müssen weg.» Nach einem kurzen Anruf verlassen wir die Wohnung und laufen die Treppe ganz nach unten. Als über uns die Haustüre aufgestossen wird, verschwinden wir durchs Kellergeschoss. Leise öffne ich mein zugemietetes Abteil und hole zwei grosse Taschen heraus.

«Was ist das?» Simona zeigt auf die Kartons, die von unten bis oben mit 1000 Staub-Blitz-Schachteln gefüllt sind.

Ich nehme eines der Wunderdinger heraus. «DIE Lösung für allen Schmutz der Welt. Staub-Blitz, wischt wie von Hand, nur eben fixer.»

Sie lacht leise. «Und was willst du damit?»

«Reich werden», antworte ich. «Doch das wird nicht ganz einfach. Wenn ich die Dinger nicht schnell verkaufe, hole ich mir in zwei Tagen eine blutige Nase.»

Durch eine schmale Tür am Ende des Korridors kommen wir in die Tiefgarage des Nachbarhauses. Mina hat hier einen Einstellplatz gemietet, doch ihr türkisfarbener Mini ist nicht da. Dafür steht ein rostroter Subaru bereit. Am Steuer sitzt Rosa Hugentobler, unsere rüstige Nachbarin von gegenüber, die ich vorhin angerufen habe.

Frau Hugentobler greift ein

«Herr Stauber, nett, dass ich Sie wieder einmal sehe.» Neugierig schaut sie Simona an. «Das ist aber nicht Fräulein Koster.» Höre ich da einen kleinen Vorwurf in ihrer Stimme?

«Das erkläre ich Ihnen gleich.» Wir steigen hinten ein, denn vorne sitzt ihr Schäferhund Drago. «Aber erst müssen wir weg.»

Frau Hugentobler dreht den Zündschlüssel und lässt den Subaru husten, dann ertönt ein beruhigendes Brummen, sie legt den Gang ein und fährt los. Wir ducken uns, als wir an den Motorrädern vorbeikommen.

«Freust du dich auf den Spaziergang, Drago?» Ich kraule seinen Kopf.

«Sie hatten Glück, dass ich noch nicht weg war», sagt Frau Hugentobler. «Übrigens kenne ich die Dame. Sie waren doch schon in der Zeitung, Fräulein.»

Simonas Bein zuckt. «Man sagt schon lange nicht mehr Fräulein», faucht sie wütend.

«Ich schon.» Frau Hugentobler schmunzelt. «Wenn sie bei mir mitfahren wollen, müssen sie sich das schon gefallen lassen, Fräulein ... Renner.»

Simona schaut zum Fenster hinaus, als würde sie sich für die Wehrmänner interessieren, die auf dem Waffenplatz Runden drehen. Ich hänge meinen eigenen Gedanken nach, während Frau Hugentobler ihrem Drago erklärt, warum nur blonde Frauen Thurgauer Apfelkönigin werden können. Bei der Rorerbrücke biegen wir in den Parkplatz ein.

«Auf Wiedersehen, Königin.» Frau Hugentobler schliesst den Wagen ab.

«Fräulein passt auch», sagt Simona.

Dann gehen wir an die Thur hinunter. Aus meinen Taschen packe ich das Kanu und beginne mit dem Aufpumpen, Simona steckt die Paddel zusammen und verstaut alles Herumliegende in einem wasserfesten Beutel. Über feuchte und rutschige Steine geht es hinunter ans Ufer. Beim Einsteigen hole ich mir nasse Füsse und Hosen. Einige kräftige Paddelschläge bringen uns in die Mitte der Thur. Als hinter uns ein Motorrad über die Brücke braust, zucken wir zusammen. Dann müssen wir lachen.

Zwischen den Dämmen öffnet sich eine völlig neue Landschaft. Unterhalb von Uesslingen – standen da nicht zwei dunkel gekleidete Männer am Geländer der Brücke? Oder sehen wir Gespenster? – wechseln sich Auenwälder und Kiesbänke ab.

«So möchte ich unseren Kanton sehen.» Simona zeigt auf einen umgestürzten Baum. «Überall Biberland.»

Nach einer engen Kurve wieder eine Brücke. Und plötzlich steht da dieser Mann, der etwas Schweres aufhebt, etwas, das er gleich werfen wird.

«Achtung!», schreie ich, da fällt ein Geschoss ins Boot und wir werden ins Wasser geschleudert.