THRUGAU: Er war Kuchlers Simi

Gelernt hat er Textilkaufmann. Nach seiner Flucht vor den Tamil Tigers verschlug es Sivakumar Velusamy ins Gourmetrestaurant Schäfli. Fast 30 Jahre blieb er dort. Jetzt kocht er für die BBZ-Schüler und muss sparsam mit Koriander sein.

Ida Sandl
Merken
Drucken
Teilen
Sivakumar Velusamy, genannt Sami, in der Mensa-Küche des Berufsbildungszentrums Weinfelden. (Bild: Andrea Stalder)

Sivakumar Velusamy, genannt Sami, in der Mensa-Küche des Berufsbildungszentrums Weinfelden. (Bild: Andrea Stalder)

Der Anfang war hart. Er musste sich an die grossen Mengen gewöhnen. Vor allem musste er seine Ansprüche zurückschrauben, weil es ja nicht zu teuer werden darf am neuen Ort.

Sivakumar Velusamy (56), geboren und aufgewachsen in Sri Lanka, war fast drei Jahrzehnte lang Kuchlers Simi. Seine Freunde nennen ihn aber eigentlich Sami. Er arbeitete Seite an Seite mit Wolfgang Kuchler, einem der besten Köche der Schweiz. Jetzt kocht er in der Kantine des Berufs- und Bildungszentrums (BBZ) in Weinfelden. Das ist etwa so, als wenn man von einem Porsche plötzlich in einen französischen Kleinwagen umsteigt. Das Auto aus Frankreich ist gut und die BBZ-Kantine ist es auch. Aber eben ganz anders.

Sami Velusamy ist ein schmächtiger Mann mit einer grossen Brille und einem breiten Lachen. Er steht in der blankgescheuerten Mensaküche und giesst einen gelben Brei in einen grossen Topf mit Pouletfleisch. «Frischer Ingwer», sagt er und zeigt mit einer grossen glänzenden Kelle auf den Brei.

Die Schüler mögen nicht so gerne Koriander

Es gibt Poulet-Curry in der BBZ-Kantine, etwa 100 Portionen bereitet Sami Velusamy vor. Nicht so scharf, wie er es für sich kochen würde, und mit viel weniger Koriander. «Unsere Schüler sind Gewohnheitsesser», sagt Tobias Haupt, der Mensa-Chef, ein freundlicher, ruhiger Mann. Beim Probekochen sei Sami nicht ganz so schnell gewesen wie sein Mitbewerber. Dafür habe er filigraner gearbeitet und feiner abgeschmeckt. Das hat Haupt überzeugt. Sie sind ein gutes Team geworden, der Tamile und der Schweizer. «Es stimmt auch menschlich», sagt Haupt.

Sami Velusamy war 29 Jahre alt, als er aus seinem Land geflohen ist. Dort führten die Tamil Tigers einen blutigen Bürgerkrieg. Er hat Textilkaufmann gelernt. Doch als er in der Schweiz ankam, wollte er vor allem eins: Arbeiten und Geld verdienen.

Das «Schäfli» war seine erste Stelle. Er habe frühmorgens vom Asylbewerber-Wohnheim in Frauenfeld den Bus nach Wigoltingen genommen. Eineinhalb Stunden stand er vor dem geschlossenen Restaurant. Es war nebelig und es war kalt. Irgendwann ist dann ein grosser Mann mit einem kantigen Kopf erschienen und hat die Tür zum Restaurant aufgesperrt. Der Mann war Wolfgang Kuchler und es war der Beginn einer ungewöhnlichen beruflichen Zweisamkeit in einer Miniküche mitten im Thurgau. Die Welt, in die Sami Velusamy eintauchte, hätte fremder nicht sein können. Er wusste nichts von Gourmetrestaurants und Gault-Millau-Hauben, nichts von den Bundesräten und Wirtschaftsbossen, die im «Schäfli» tafelten. Nur die besten Zutaten kamen in die Töpfe und auf den Tisch. «Ich habe viel gelernt», sagt Velusamy.

Anfangs hat er noch in Wigoltingen gewohnt, doch er habe sich einsam gefühlt im Dorf. Als Vathsala kam, seine Frau, suchten sie sich in Weinfelden eine Wohnung.

Die Heirat hatten die Eltern arrangiert, Vathsala stammte aus dem Nachbardorf. Sie hatten sich drei Jahre lang nicht gesehen, bevor sie in die Schweiz kam. Sami Velusamy war etwas mulmig zumute. Wird es gut gehen, wird sie sich hier wohl fühlen? Es ging gut, geht noch immer gut. Die Eltern haben weise gewählt.

Die Kinder, Tochter Santhiya (19) und Sohn Sanjai (21), sind im Thurgau geboren. Manchmal kommt es ihm vor, als seien sie schon mehr Schweizer als Tamilen. Sie lieben Hamburger und Spaghetti, während er sich ohne Reis nicht richtig satt fühlt. Vielleicht lassen sie sich einmal einbürgern. Er hofft, dass sie eine Arbeit finden, die sie glücklich macht. So wie er.

Er schläft besser in der Schweiz

Er sei dankbar, sagt Sami Velusamy. Vor zehn Jahren habe er nach einer Spritze gegen Heuschnupfen einen allergischen Schock erlitten. Zehn Tage lag er im Koma. «Ich habe ein zweites Leben geschenkt bekommen.» Die Sicherheit in der Schweiz, das verlässliche Rechtssystem sind ihm wichtig. Trotzdem träumt er immer wieder von Sri Lanka, seiner Mutter und den Geschwistern. Einen Bruder hat er seit 26 Jahren nicht mehr gesehen.

Sami Velusamy wird sich wohl nie an die Kälte in der Schweiz gewöhnen. In Sri Lanka ist es zwar warm, dafür schlafe er viel schlechter als hier. «Es gibt so viele Mücken und es ist immer laut in der Nacht.»