Tells Töchter retten die Tradition

Die Armbrust gehört zu den nationalen Symbolen der Schweiz. Doch begeistern sich immer weniger für das Armbrustschiessen. Ein Lichtblick: Auch im Thurgau finden junge Frauen Gefallen an diesem traditionellen Sport.

Inge Staub
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Junge Frauen wie Claudia Kneubühl sind stark an der Armbrust. (Bild: Reto Martin)

Junge Frauen wie Claudia Kneubühl sind stark an der Armbrust. (Bild: Reto Martin)

FRAUENFELD. Er spannt die Armbrust und zielt. Der Apfel fällt vom Kopf seines Sohnes. Die Legende von Wilhelm Tell, verfasst von Friedrich Schiller, kennt in der Schweiz jedes Schulkind. Die Geschichte des Nationalhelden ist die Geschichte von Freiheit und Unabhängigkeit der Schweiz. Wenn das Schweizer Volk am 1. August die Entstehung der Eidgenossenschaft feiert, dann transportieren nationale Symbole die Botschaft dieses Tages.

Neben dem Schweizer Kreuz ist die Armbrust das Symbol, das die Schweiz verkörpert. In der Armbrust komme die Verbindung von Tradition und Hightech zum Ausdruck, führte Regierungsrat Jakob Stark, einst selbst aktiver Armbrustschütze, vor einigen Jahren in einer Rede aus. Der Tradition gegenüber stünden die heutigen Hightech-Sportgeräte, die höchste Präzision erlaubten. Es liegt deshalb nahe, dass die Armbrust das Markenzeichen von Swiss Label ist. Firmen wie der Schlitten- und Rodelhersteller Graf und die Drewo Holzwaren AG in Sulgen werben damit für ihre Produkte. Die Armbrust signalisiert: Hier handelt es sich um ein Schweizer Qualitätsprodukt.

Die Zahl der Unternehmen, die mit der Armbrust werben, hat sich nach Angaben der Gesellschaft Swiss Label in den letzten zehn Jahren auf über 500 vervierfacht. Während in der Wirtschaft Wilhelm Tells Waffe an Bedeutung gewinnt, ist sie bei der Bevölkerung immer weniger gefragt. Nur noch wenige üben den Sport des Armbrustschiessens aus. Gerade mal 200 Frauen und Männer schiessen im Thurgau mit der Armbrust. Auch wird der Sport von der Bevölkerung kaum wahrgenommen, obwohl internationale Wettkämpfe in der Ostschweiz ausgetragen werden und hierbei Spitzenschützen aus der ganzen Welt teilnehmen.

Weniger Mitglieder

Die Mitgliederentwicklung beim Thurgauischen Armbrustschützenverband verlief in den vergangenen Jahren kontinuierlich rückwärts. Betrug der Mitgliederbestand im Jahr 2008 144 Aktive und 81 Junioren, so sind es heute 150 Aktive und 50 Junioren. Dies bewog im Frühjahr diesen Jahres die Thurgauer Armbrustschützen, über eine Auflösung ihres 100jährigen Verbandes nachzudenken und die Fusion mit dem Rheinischen Armbrustschützenverband zu einem neuen Verband in Erwägung zu ziehen. Die Delegiertenversammlung in Schönenberg verwarf diese Idee.

Die Thurgauer Armbrustschützen haben weiterhin einen eigenen Verband. Das Problem ist jedoch geblieben. Richard Wagner, Ehrenpräsident der Armbrustschützen Frauenfeld bedauert: «Ja, wir haben zu wenig Nachwuchs.» Und dies obwohl sich die Armbrust zu einem absoluten Hightech-Sportgerät und das Armbrustschiessen zu einem Spitzensport entwickelt haben.

Seit vier Jahren versucht mit Gaby Nägeli eine Frau an der Spitze der Thurgauer Armbrustschützen, die Jugend für diesen Sport zu begeistern. «Das Freizeitangebot ist einfach zu gross. Die Jugendlichen können heute aus einer Vielzahl von Sportarten auswählen», beschreibt sie, weshalb es mit der Rekrutierung von neuen Schützinnen und Schützen hapert. Auch stellt sie fest, dass viele Jungschützen mit dem Beginn ihrer Berufslehre das Schiessen wieder aufgeben. «Die Berufsausbildung hat für 16- bis 18-Jährige meist erste Priorität», sagt Nägeli.

Die acht Thurgauer Vereine sind deshalb gefordert. Sie organisieren Anlässe und schreiben Schüler direkt an. Einen Lichtblick gibt es bereits: Immer öfter stehen junge Frauen im Schiessstand. So ist es dem Armbrustschützenverein Frauenfeld gelungen, Petra und Claudia Kneubühl für den legendären Sport zu gewinnen.

Mit den beiden Schwestern hat der Verein einen guten Fang gemacht. Beide sind erfolgreiche Schützinnen. Petra Kneubühl holte als 17-Jährige bei den Junioren WM-Gold. Die heute 21-Jährige findet, der Armbrustschützenverein Frauenfeld sei ein «cooler Verein». «Ich mag den Zusammenhalt unter den Mitgliedern und dass man sich gegenseitig hilft.» Auch Claudia Kneubühl hat die Finger gerne am Abzug: Ihr gefällt, dass die Armbrust, anders als Pistolen oder Gewehre, keinen Lärm macht. Inzwischen trainiert die 23-Jährige den Frauenfelder Nachwuchs. Auch bei den Armbrustschützen in Neuwilen gehören mit Nicole Bösch (vierte bei den Junioren an der kürzlich durchgeführten Schweizer Meisterschaft) und Denise Inauen, zwei junge Frauen zum engen Kreis der sportlich leistungsfähigen Aktivmitglieder.

Ausdauer und Konzentration

Gaby Nägeli findet es schön, dass immer mehr Frauen zur Armbrust greifen. Es sei für Frauen kein Problem, das acht Kilogramm schwere Sportgerät zu halten. Die Sportart könne jeder ausüben. «Mitbringen muss man Ausdauer, Konzentration und Fitness.» Doch das Mass aller Dinge ist bei den Thurgauer Armbrustschützen nach wie vor ein Mann: Bruno Inauen aus Kemmental liefert regelmässig Weltklasseresultate.