Tanz um das goldene Kalb

Das Konzil ist 600 Jahre her, aber allgegenwärtig. Konstanz feiert dieser Tage die Wiederauferstehung als Nabel der Welt – bzw. als Brustwarze, an der sich die Schweizer erlaben. Diese pilgern in Scharen nach Konstanz, verblendet von der Gier nach dem Schnäppchen ihres Lebens.

David Angst
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Das Konzil ist 600 Jahre her, aber allgegenwärtig. Konstanz feiert dieser Tage die Wiederauferstehung als Nabel der Welt – bzw. als Brustwarze, an der sich die Schweizer erlaben. Diese pilgern in Scharen nach Konstanz, verblendet von der Gier nach dem Schnäppchen ihres Lebens. Das Glück ist günstig zu haben, denn der Kuhplappart ist hoch im Kurs. Ganz anders als 1458, als 4000 Eidgenossen das Schloss Weinfelden belagerten, weil ein Deutscher einen solchen abgelehnt hatte.

Heute zanken sich die Deutschen um das Schloss Weinfelden. Und die Schweizer tanzen in Konstanz um das goldene Kalb. Doch wie schon anno 1415 gibt es auch heute Ketzer bzw. Reformatoren, die dem Frevel die Stirn bieten. Einer von ihnen ist der Oberhofer Schreiner Meister Werner, der als Wanderprediger durch die Tempel des Mammons zieht und ruft: «Haltet ein. Sagt Ja zur Schweiz. Kehret um und kommet heim ins Vaterland.» Nach Kreuzlingen.

«Erste Stadt der Schweiz» nannte sich Kreuzlingen mal. Heute ist es viel mehr die letzte Stadt der Schweiz, wenn man nach Konstanz fährt. Nicht einmal der Zirkus Knie hält hier noch an.

Weniger läuft nur noch in Ermatingen. Es sei denn, es sei gerade die letzte Fasnacht der Welt im Gang. Den Rest des Jahres wollen die Ermatinger ihre Ruhe haben. Sie werben auf Plakaten mit dem Slogan: «Ermatingen, der langweiligste Ferienort der Schweiz» und denken: «Hoffentlich kommt keiner.» Schon gar kein Journalist.

Soll ja keiner auf die Idee kommen, über das Pfahlbauerdorf einen Artikel zu schreiben. Und schon gar nicht so. Peter Dransfeld kritisierte am Mittwoch im Grossen Rat: «Der Artikel in der Thurgauer Zeitung war so verfasst, als läge Ermatingen im Dschungel und ein Urwaldforscher schriebe einen Bericht darüber.» Das gilt es selbstverständlich zu respektieren. Man kennt das ja von den Ureinwohnern auf Borneo etc. Es braucht extrem lang, bis man ihr Vertrauen gewonnen hat.

david.angst@thurgauerzeitung.ch