Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

TÄGERWILEN: Thurgauer bleibt oberster Auslanditaliener

Er ist seit fast vierzig Jahren Thurgauer und schon einige Zeit politischer Vertreter der Auslanditaliener. Michele Schiavone (57) über sein Heimatverständnis und die politische Lage in Italien, das am Wochenende wählt.
Rossella Blattmann
Michele Schiavone ist in Apulien aufgewachsen; als Elfjähriger reiste er erstmals in die Schweiz zu seinen Eltern. (Bild: Andrea Stalder)

Michele Schiavone ist in Apulien aufgewachsen; als Elfjähriger reiste er erstmals in die Schweiz zu seinen Eltern. (Bild: Andrea Stalder)

Rossella Blattmann

rossella.blattmann @thurgauerzeitung.ch

Michele Schiavone, beschreiben Sie ihr politisches Engagement.

Ich war bisher Nationalsekretär des Partito Democratico (PD) in der Schweiz. Im Dezember gab es in Rom parteiinterne Diskussionen und Meinungsunterschiede zum politischen Programm und für die Listenbildung. Ich gehöre zur internen Minderheit, die sozial und fortgeschritten engagiert ist, anders als die Mehrheit des Partito Democratico, welche das politische Geschehen dieser Legislatur geführt hat. Aufgrund diverser Einschätzungen hat sich in der Schweiz und in Europa diese Minderheitsgruppe entschieden, am 4. März nicht zur Wahl anzutreten. Auch in Italien treten viele prominente Politiker des PD nicht mehr an.

Welche Rolle hatten Sie als Nationalsekretär?

Ich war innerhalb des PD in der Schweiz seit seinem Entstehen die Ansprechperson. Zudem war ich einer der Gründer der Schweizer Sektion, die vor zehn Jahren dank der Einwirkung von Romano Prodi und Walter Veltroni entstanden ist. Mit diesen und mit anderen Politikern unserer Partei führe ich weiterhin gute Beziehungen und arbeite für das Wohl der Partei und Italiens.

Sie treten also nicht aus der PD aus.

Richtig. Ich bleibe Mitglied.

Sie treten am 4. März nicht zur Wahl an. Warum?

Die politische Lage in Italien bereitet mir grosse Sorgen. Wegen des neuen Wahlgesetzes riskiert das Land, am 4. März keine Regierungsmehrheit zu bilden, und es besteht die Gefahr, dass die Bürger kurzfristig wieder an die Urnen gerufen werden.

Klingt bekannt.

Das führt zu alten und unstabilen Traditionen der italienischen Regierung. Dazu hat das neue Wahlgesetz auch für die Auslanditaliener negative Änderungen gebracht. Bis anhin konnten die Auslanditaliener ihre eigenen 18 Parlamentarier mit Wohnsitz im Ausland wählen. Nun aber können auch Italiener, die in Italien leben, gewählt werden. Damit verliert die konstitutionelle Eigenschaft der Auslandvertretung ihr Merkmal. Ich finde diese Änderung gesetzes- und verfassungswidrig und als Generalsekretär des Rats der Auslanditaliener werde ich sie mit Haut und Haar bekämpfen. Diese Funktion werde ich weiterführen und werde den Dialog mit der italienischen Regierung aufrechterhalten.

Italien steckte zehn Jahre lang in einer Wirtschaftskrise. Hat sich das Land mittlerweile wieder erholt?

Das noch nicht. Aber der Trend zeigt aufwärts. Das grosse Problem war die rigorose Sparpolitik der Regierung. Diese brachte für die Bevölkerung viele Probleme. Das Schlimmste war, dass die Reichen immer reicher wurden, und die Armen immer ärmer.

Das hat Auswirkungen.

In den letzten fünf Jahren haben mehr als eine Million gut ausgebildete junge Akademiker und Facharbeiter das Land verlassen und ihr Glück in anderen Ländern Europas und auf anderen Kontinenten gesucht.

Welche Beziehung haben Sie zum Thurgau?

Ich lebe seit 40 Jahren hier. Meine Eltern wanderten zu Beginn der Sechzigerjahre aus dem süditalienischen Apulien nach Kreuzlingen aus. Als ich 18 Jahre alt war, bin ich ihnen gefolgt. Ich habe einen grossen Teil meines Lebens in Kreuzlingen verbracht. Ich wohne mit meiner Familie in Tägerwilen.

Können Sie sich noch an Ihre erste Reise in die Schweiz erinnern?

Ja. Als ich elf Jahre alt war, fuhr ich während der Schulferien ganz alleine mit dem Zug aus Apulien den weiten Weg nach Kreuzlingen zu meinen Eltern. Doch an der Schweizer Grenze in Chiasso liess man mich nicht weiterreisen. Ich wurde mit dem Zug wieder über die Grenze geschickt, ins italienische Como San Giovanni. Dort musste ich kleiner Junge ganz alleine warten, bis mein Vater vom Thurgau aus den ganzen weiten Weg machte, und mich dann endlich abholte.

Ist der Thurgau eine Art Schweizer «Little Italy»?

(lacht) «Little Italys» haben unsere Landsleute überall in der Welt aufgebaut. Wir sind ein Volk von Künstlern und lebensfreudigen Menschen und wir sind stolz auf unsere Kultur und Traditionen. Das kann man so sagen.

Und in Kreuzlingen?

In Kreuzlingen ist der italienische Einfluss sehr gross. Es ist ja wichtig, dass auch in der zweiten und dritten Generation italienischer Einwanderer die italienische Identität erhalten bleibt. Mit der Piazza Cisternino und dem Centro Italiano in Kreuzlingen zum Beispiel wurde eine Oase der Italianità für die Stadt und für die Thurgauer aufgebaut. Wir sind sehr stolz auf unsere Landsleute und Vereine im Kanton, welche durch ihren Einsatz ein positives Bild Italiens darstellen und verbreiten.

Hand aufs Herz: Sind Sie mehr Italiener oder Schweizer?

Ich liebe die Schweiz und respektiere die Lebensweise und Kultur der Eidgenossen. Ich fühle mich wohl und bin ein Bestandteil dieses Landes wie ein gebürtiger Schweizer Bürger, und ich versuche, mein Bestes zu vermitteln. Dennoch bin ich durch und durch Italiener, und wenn ich am Morgen aufstehe, blicke ich immer nach Süden auf der Suche nach der Sonne, die uns bei ihrem Aufgang die Kraft und den Mut gibt, vorwärts zu schauen und den Tag positiv zu erleben.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.