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TABUTHEMA: Kuckuckskinder: Wenn Papi nicht der biologische Vater ist

Die 55-jährige Thurgauerin Maya P. hat immer geahnt, dass irgendwas nicht stimmt. Erst als sie schon erwachsen war, gestand ihr die Mutter einen Seitensprung, aus dem sie hervorging. Ein Tabuthema.
Aylin Erol
Unbehagen in der Kindheit: «Sind meine Eltern wirklich Papa und Mama?» (Bild: Getty Images)

Unbehagen in der Kindheit: «Sind meine Eltern wirklich Papa und Mama?» (Bild: Getty Images)

Aylin Erol

redaktion@thurgauerzeitung.ch

«Momentan habe ich keinen Vater», muss sich Maya P. eingestehen. Das Ganze sei wie bei allen Betroffenen eben etwas kompliziert. Die 55-Jährige erfuhr erst vor elf Jahren, was sie schon längst unbewusst ahnte. Zu diesem Zeitpunkt war ihr «sozialer Vater», wie Maya den Mann nennt, welcher sie grosszog, bereits verstorben. Ob er vom Seitensprung ihrer Mutter wusste, kann Maya aufgrund der Äusserungen im Nachhinein vermuten, sicher ist sie aber nicht.

«Ich habe immer geahnt, dass etwas nicht stimmt, von klein auf», sagt Maya P. Hinweise gab es einige. Ihr Vater verhielt sich «oft sehr speziell», sagte etwa auch einmal, dass sie aussehe «wie ein Tschinggeli». Ausserdem besass Maya als einzige der Familie eine seltene Blutgruppe. «Aber wenn man will, findet man immer Erklärungen für das Verhalten anderer oder bestimmte Situationen.»

In jeder Schulklasse sitzt ein solches Kind

Maya P. aus dem Thurgau ist eines von vielen Kuckuckskindern in der Schweiz. Der Vater, der sie grosszog, war nicht ihr leiblicher Vater. Eine wissenschaftliche Untersuchung aus dem Jahr 1994 geht davon aus, dass sich in einer Schulklasse in der Schweiz mindestens ein Kuckuckskind befindet. Dass das Thema also mehr Menschen betrifft, als man vielleicht annehmen würde, zeigt auch das ­zunehmende Interesse an der neuen und bisher einzigen Selbsthilfegruppe für Kuckuckskinder im Selbsthilfezentrum Region Winterthur. Das seltsame Bauchgefühl wurde Maya P. nie los. Besonders in ihrer Jugend nahmen die psychischen und physischen Symptome der Lebenslüge zu. «Nach der Lehre, mit 19, fiel ich beinahe in eine Depression. Ich war auf der Suche nach meinem Platz in der Welt und meiner Identität, fand aber keine Antworten und keinen Halt», erzählt die Thurgauerin.

Mit einem Sprachaufenthalt im Ausland und Distanz zur Familie kehrte die Lebensfreude zurück. Sprechen konnte sie mit niemandem. «Ich wusste, dass es etwas mit meiner Kindheit zu tun haben muss. Bei Familienthemen hatte ich immer wieder ein schlechtes Gefühl», sagt die gelernte Kauffrau. Erst mit 44 erlangte Maya P. endlich Klarheit, weil sie ihre Mutter zur Wahrheit drängte. «Laut meiner Mutter kommen zwei Männer in Frage, welche in den Sechzigern bei meiner Familie im Haus wohnten. Zwei Brüder aus Italien, die als Bauarbeiter in die Schweiz kamen.» Die beiden hätten ein Zimmer in ihrem Elternhaus gemietet. In einen der beiden verliebte sich Mayas Mutter. «Sie sagt, als dessen Bruder von der Affäre Wind bekam, erpresste er sie, indem auch er von ihr ‹geliebt› werden wollte», sagt Maya. Dieser Dreiecksbeziehung sei sie entsprungen.

«Ab dem Moment, da mir meine Mutter alles gestand, begann plötzlich alles Sinn zu machen.» Auf einen Schlag waren alle bohrenden Fragen beantwortet, setzte sich ihr Leben wie ein Puzzle zusammen. «Es war eine riesige Erleichterung, endlich alles zu wissen. Gleichzeitig war ich zuerst wütend auf meine Mutter. Nicht weil sie meinen sozialen Vater betrogen oder mich angelogen hatte, sondern weil sie mir das Recht nahm, selbst zu entscheiden, ob ich die Wahrheit verkrafte oder nicht», meint Maya P. Diese Bevormundung, das mulmige Gefühl seit ihrer Kindheit, die Unsicherheit und die fehlende Geborgenheit habe sie traumatisiert und sie hätte sich gewünscht, ihre Mutter hätte ihr früher die Wahrheit gesagt. «Ich bin der Meinung, Kinder verkraften mehr, als man ihnen zutraut.» Heute hat die Thurgauerin für sich gelernt, mit der Situation umzugehen: «Reden! Viel reden, mit jedem, bei dem es sich richtig anfühlt.» Sie habe so erfahren, dass deutlich mehr Leute in irgendeiner Weise mit Kuckuckskindern in Verbindung stünden. «Ausserdem lernt man dadurch, dass dieser Teil von sich selbst zu meiner Geschichte und meinem Charakter gehört.»

Ein paar Stunden im Monat reserviert für das Thema

In der Selbsthilfegruppe für Kuckuckskinder in Winterthur würden sich Betroffene gegenseitig zuhören, Rat geben und Lösungen suchen. «Nur schon zu erfahren, dass andere ebenfalls solche körperlichen Symptome kennen, hilft einem, seine Geschichte zu verarbeiten», meint Maya P.

Ausserdem seien dadurch ein paar Stunden im Monat für die direkte Auseinandersetzung mit sich und ihrer familiären Situation reserviert. «So kann ich dem Thema nicht ausweichen, aber es nimmt im Alltag auch deutlich weniger Raum ein», stellt Maya P. fest und empfiehlt deshalb jedem eine direkte Konfrontation mit dem Thema und dabei Hilfe anzunehmen.

Mit dem Rückhalt ihrer Familie und dem Beitritt zur Selbsthilfegruppe traut sie sich jetzt auch noch mehr zu: «Ich möchte herausfinden, wer mein richtiger Vater ist.» Dafür reiste sie kürzlich nach Italien und lernte einen ihrer möglichen Väter kennen. Das nächste Mal möchte sie beide Brüder treffen und sie bitten, einen Vaterschaftstest zu machen. «Den Mut dazu hätte ich ohne Hilfe nicht.»

Mittlerweile kann die Thurgauerin ihrer Geschichte deshalb viel Positives abgewinnen. Maya P. sagt: «Ich bin der Meinung, alles passiert aus einem guten Grund. Meine Geschichte macht mich zu dem Menschen, der ich heute bin, und das ist gut so.»

Angebot: Selbsthilfegruppen

Selbsthilfegruppen sind Treffen zum Austausch unter Gleichbetroffenen zu körperlichen oder psychischen Krankheiten oder belastenden Situationen. Selbsthilfezentren vermitteln Kontakte und unterstützen den Aufbau neuer Gruppen. Selbsthilfezentrum Weinfelden: (071/6201000)

-> www.selbsthilfe-tg.ch

In Winterthur ist auch wegen der grossen Nachfrage bereits die zweite Selbsthilfegruppe für Kuckuckskinder im Aufbau. Das erste Treffen findet Ende März statt. Interessierte melden sich beim Selbsthilfe-Zentrum Region Winterthur, (052/2138060)

-> www.selbsthilfe-winterthur.ch(aye)

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