Szenen eines Lebens auf Rädern

Die Zürcher Schriftstellerin Michèle Minelli lebt seit einem Monat in Uesslingen. Sie hat ein Buch über Jenische in der Schweiz geschrieben. Bei der Recherche dafür hat sie am meisten über die Offenheit dieser Menschen gestaunt.

Ida Sandl
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Foto aus dem Buch «Kleine Freiheit», aufgenommen in Glarus. Spielende Kinder, im Hintergrund die Wohnwagen der Jenischen. (Bild: Anne Bürgisser)

Foto aus dem Buch «Kleine Freiheit», aufgenommen in Glarus. Spielende Kinder, im Hintergrund die Wohnwagen der Jenischen. (Bild: Anne Bürgisser)

UESSLINGEN. Es beginnt mit einer Enttäuschung. Die Schriftstellerin Michèle Minelli erwartet Zigeunerromantik, als sie im Herbst 2012 die Fecker-Chilbi der Jenischen in Brienz besucht: bunte Röcke, melancholische Musik, Lagerfeuer.

Sie findet Nüchternheit, Alltagsleben in Campingwagen. Nicht einmal die Zwiebelzöpfe sind selber gemacht. «Was hatte ich mir nur gedacht?» Der Frust ist aber von kurzer Dauer, an seine Stelle tritt die Neugier.

Michèle Minelli beschliesst, sie will mehr erfahren über diese Menschen, die immer wieder in den Schlagzeilen von Zeitungen auftauchen und doch fremd bleiben. Während zweier Jahre beschäftigt sie sich mit dem Thema, sie besucht Durchgangsplätze, redet mit offiziellen Vertretern, unterhält sich mit Jenischen. Oft beobachtet sie nur, zum Beispiel die Räumung eines Platzes durch die Polizei. Das alles gibt sie in ihrem Buch wieder, auf 224 Seiten, illustriert mit Bildern der Fotografin Anne Bürgisser.

Im Thurgau der Liebe wegen

«Kleine Freiheit – Jenische in der Schweiz», ist vor einer Woche erschienen. Es ist Michèle Minellis zweites Buch in diesem Jahr. Bereits im März kommt die «Die Verlorene» heraus, darin geht es um Frieda Keller. Aufgewachsen in Bischofszell, wird sie nach einer Vergewaltigung schwanger und tötet aus Verzweiflung ihr Kind.

Zwei Bücher in einem Jahr, das sei ein bisschen viel gewesen, sagt Minelli. Jetzt brauche sie etwas Zeit für sich. Dabei ist ihre Agenda schon wieder gut gefüllt, allein mit den Lesungen.

Vor einem Monat ist die Zürcherin in den Thurgau gezogen. «Der Lieben wegen», sagt sie und lächelt. Der Umzug sei stressig gewesen, aber Uesslingen tue ihr gut. «Ich merke, wie der Blick in die Weite der Landschaft mich entspannt.» Ein Kind der Stadt sei sie ohnehin nicht, nie gewesen. Auch in Zürich, habe sie am Stadtrand gelebt.

Von der Offenheit überrascht

Michèle Minellis Buch über Jenische ist keine historische Abhandlung über eine aussterbende Kultur, auch keine kritische Betrachtung. Als Konzept haben sie und Fotografin Anne Bürgisser lediglich festgelegt: «Wir gehen hin, sagen Grüezi und schauen, was passiert.» Ergeben hat sich meistens etwas.

Einmal trifft Minelli ein ehemaliges Kind der Landstrasse. Sie kommt ins Gespräch mit einem Polizisten, der auf dem Platz nach dem Rechten schaut. Dann wieder hört sie einem Bauern zu, der seinen Platz an Jenische vermietet. Sie schreibt über Scherenschleifer und Altmetallhändler.

Die Jenischen begegnen ihr und ihrem Projekt wohlwollend. Die Offenheit habe sie am meisten erstaunt. «Diese Freundlichkeit hatte ich nicht erwartet.» Aber auch die Autorin bringt den Jenischen Sympathie entgegen. Ihr Buch ist ein Plädoyer, auf die Menschen zuzugehen, die in Wohnwagen von Ort zu Ort ziehen. Michèle Minellis Vorschlag: «Mit einer stumpfen Schere oder einem Gartenwerkzeug auf den Platz gehen und schauen, was sie an Service anzubieten haben.» Sie selber habe nur gute Erfahrungen gemacht. Sie sagt: «Eigentlich führen die Jenischen fast das gleiche Leben wie wir. Nur eben auf Rädern.»

Michèle Minelli Schriftstellerin Uesslingen (Bild: pd)

Michèle Minelli Schriftstellerin Uesslingen (Bild: pd)