SUIZID: Die Angst vor dem selbstbestimmten Tod

Die Frage über Sterbehilfe spaltet die Thurgauer Politik. Für die einen pfuscht man damit dem Schöpfer ins Handwerk, für andere ist es ein Segen für die Selbstbestimmung.

Silvan Meile
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Im Grossen Rat ging es gestern um Leben und Tod. «Jeder Fall ist einer zu viel», mahnte Andrea Vonlanthen (SVP, Arbon) und sprach von «Sterbehilfe im Thurgau». So lautet der Titel einer Inter­pellation, die er zusammen mit Astrid Ziegler (CVP, Birwinken) und Hansjörg Haller (EVP, Hauptwil) einreichte, um damit eine ­aktuelle Diskussion über Suizidhilfe anzuregen. Die Interpel­lanten fürchten, dass Sterbehilfe zur gesellschaftlichen Selbst­verständlichkeit werde. Sie melden aber moralische Bedenken an: «Gemäss biblisch-christlichem Menschenbild ist das Leben ein Geschenk Gottes», sagte Vonlanthen. Der Staat müsse sich fragen, ob er wirklich alles tue, um das Leben gemäss der christ­lichen Ethik zu schützen. Für den SVP-Kantonsrat ist vorauszu­sehen: «Der begleitete Suizid wird noch mehr Akzeptanz gewinnen und noch mehr Normalität werden.»

Die Zahlen des Kantons belegen einen Anstieg, aber auf sehr tiefem Niveau. Im vergangenen Jahr stehen 22 Fälle von Suizidhilfe einem Total von 1986 Todesfällen auf dem Kantonsgebiet gegenüber. «Das stellt immer noch die klare Ausnahme und nicht die Normalität dar», hatte die Kantonsregierung in der Interpellationsantwort geschrieben. Regierungsrat Jakob Stark hielt gestern fest, dass dies weniger als ein Prozent der Sterbefälle bedeute. Schweizweit liegt dieser Wert bei 1,6 Prozent. Stark rief auch in Erinnerung, welche Voraussetzungen jemand im Thurgau für eine Suizidhilfe erfüllen muss: «Nur wer unheilbar schwer krank und urteilsfähig ist.» In ­jedem Fall von Sterbehilfe werden die Polizei und die Staats­anwaltschaft eingeschaltet, um das zu überprüfen. «Bisher ­wurden die Bedingungen immer vollumfänglich erfüllt», sagte Stark.

Dass die Suizidhilfe keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt die Tatsache, dass von 51 Pflegeheimen im Kanton nur 9 eine ­solche zulassen. Bewohner der übrigen 42 Heime müssten die Sterbehilfe an einem externen Ort in Anspruch nehmen. «Die im Thurgau ansässigen Spitäler lassen die Suizidhilfe generell nicht zu», hält der Regierungsrat in der Beantwortung weiter fest.

Fortschritt der Medizin bringt neue Probleme

In einem waren sich die Redner einig: Palliative Care, eine wür­dige Betreuung sterbenskranker Menschen, ist unverzichtbar. Ob jemand selbstbestimmt sterben darf, bleibt kontrovers. Für Marlise Bornhauser (EDU, Weinfelden) pfuscht Sterbehilfe dem Schöpfer ins Handwerk. Und Konrad Brühwiler (SVP, Frasnacht) befürch­tete, dass Sterbebegleitung bald so akzeptiert sein wird wie ein Schwangerschaftsabbruch. Der Druck auf Betagte steige, frei­willig aus dem Leben zu scheiden, weil sie viele Kosten verursachten.

Jakob Auer (SP, Arbon) verwies hingegen drauf, dass der medi­zinische Fortschritt die Menschen immer älter mache, «wir aber Probleme bekommen, die wir nicht lösen können». Besser sei es, ein begleitetes Sterben anzubieten, als dass sich Leute für das Bahngleis, den Strang oder die Waffe entscheiden müssten. SP, Grüne und die FDP finden, dass der Mensch auch beim Tod ein Recht auf Selbst­bestimmung haben soll. Cornelia Zecchinel (FDP, Kreuzlingen) sagte: «Uns Freisinnigen ist das Recht auf die persönliche Freiheit wichtig. Wir brauchen keine Bevormundung.»

Silvan Meile

silvan.meile@thurgauerzeitung.ch