Street View für Ingenieure

FRAUENEFLD. Das Thurgauer Tiefbauamt hat die 800 Kilometer Kantonsstrassen mit hochauflösenden Digitalkameras erfassen lassen. Damit können Kantonsmitarbeiter Gefahrenstellen vom Büro aus erfassen, Lärmschutzwände projektieren und Fussgängerstreifen inventarisieren.

Thomas Wunderlin
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Kay Kamer hat die Thurgauer Kantonsstrassen abgefahren – im Auftrag von Tabea Probst, Amt für Geoinformation, und Peter Zollinger, Tiefbauamt. (Bild: Peter Käser)

Kay Kamer hat die Thurgauer Kantonsstrassen abgefahren – im Auftrag von Tabea Probst, Amt für Geoinformation, und Peter Zollinger, Tiefbauamt. (Bild: Peter Käser)

FRAUENFELD. Kaum jemand kennt den Thurgau zur Zeit so gut wie Kay Kramer, Projektleiter des Geomatik-Büros iNovitas aus Dättwil bei Baden. Ende März und Anfang April hat er an sieben Tagen mit einem Messfahrzeug zweimal alle Thurgauer Kantonsstrassen abgefahren, wobei ihn ein Fahrer begleitete.

Auf der insgesamt 1600 Kilometer langen Tour überwachte er vom Beifahrersitz aus via Laptop die Bilder, die von sechs Kameras auf dem Dach aufgenommen wurden. Eine Steuereinheit koordinierte die Kameras, die drei Stereokamerasysteme bilden. Nach jedem zweiten Tag mussten die Kameras in der Garage in Dättwil neu kalibriert werden, erzählte Kramer an einer Medienkonferenz im Frauenfelder Werkhof des kantonalen Tiefbauamts.

Die Sonne im Rücken

Das Fahrzeug enthält ein sogenanntes Inertial-Navigationssystem, das mit Sensoren Beschleunigung und Drehungen fühlt. Ein Navi-System auf dem Dach liefert die 3D-Koordinaten. Gefahren wurde zwischen 9 und 16 Uhr, da zu andern Tageszeiten die tiefstehende Sonne stört. «Am besten ist es, wenn wir die Sonne im Rücken haben», sagte Kramer.

Ein Kamerapaar lieferte Aufnahmen in Fahrtrichtung, je eines blickte nach hinten links und rechts. Abgedeckte Stellen – etwa ein Bushäuschen, vor dem ein Bus steht – konnten bei der Rückfahrt erfasst werden.

Am Ende waren 2,8 Millionen Bilder zusammen, die eine Datenmenge von 19 Terabyte ausmachten. Der Speicher im Auto fasste nur die Hälfte davon; er musste deshalb nach drei bis vier Tagen geleert werden.

Die Verarbeitung der Bilder brauchte mehr Zeit als ihre Aufnahme. 50 parallel laufende Rechner brauchten dafür zwei Wochen. Das Ergebnis können nun Mitarbeiter der Kantonsverwaltung via Internet-Browser auf dem nicht-öffentlichen Teil des Geodatensystems Thurgis sehen. Der Infra3DRoad-Service ist in einer Cloud der Lieferfirma gespeichert. Es ermöglicht, vom Büro aus die Kantonsstrassen abzufahren. Im Unterschied zu Google-Street-View kann der Benutzer für jeden Punkt diverse Daten abrufen, unter anderem die Position im schweizerischen Koordinatensystem mit einer Genauigkeit von 25 Zentimetern.

Gefahrenstellen können so erfasst werden, wie Peter Zollinger, Ressortleiter Verkehrs- und Elektrotechnik im Tiefbauamt, erklärte. Zurzeit werden sämtliche Leitplanken und Rückhaltesysteme erfasst und nach Kriterien des Via-Sicura-Projekts beurteilt. Weiter werden die Fussgängerstreifen inventarisiert.

Für den Strassenunterhalt sind virtuelle Feldbegehungen möglich. Bei der Planung von Lärmschutzmassnahmen zeigt das Internet-Werkzeug, wie hoch eine Wand am Strassenrand sein muss, um ein bestimmtes Fenster an einem dahinterliegenden Haus abzuschirmen. Datensätze können privaten Ingenieurbüros abgegeben werden, die im Auftrag des Kantons Strassenprojekte erarbeiten.

Für den Ausbau der Zufahrt zum Waro-Kreisel in Wil hat das zuständige Büro die jetzige Strasse noch selber vermessen, was laut Zollinger angesichts des starken Verkehrs keine einfache Aufgabe war. Der Vergleich mit dem Infra3DRoad-Service ergab Abweichungen von weniger als einem Zentimeter.

Die iNovitas AG, ein Spin-off der Fachhochschule Nordwestschweiz, hat mit ihrem selber entwickelten System auch die 1200 Kilometer langen Aargauer Kantonsstrassen in 3D-Qualität erfasst. Zur ihren Kunden gehören der Kanton Graubünden und die Städte Kreuzlingen und St. Gallen. «Wir haben das Standardprodukt gewählt», sagte Zollinger. Die Kosten betragen 255 000 Franken. Weitere 30 000 Franken kosten Hosting und Updates während der nächsten fünf Jahre.

Datenschutz: Ein Fünftel Kosten

Inbegriffen sind die Kosten von 55 000 Franken, die der Datenschutz verursachte. Der kantonale Datenschutzbeauftragte verlangte eine Verpixelung der Gesichter und Autonummern, obwohl sie nur verwaltungsintern zu sehen gewesen wären. Tabea Probst vom Amt für Geoinformation erklärte: «So sind wir auf der sicheren Seite.»