STEUERAFFÄRE: Verfolgt und vermögend

Der rumänisch-jüdische Flüchtling Josef Mandl kaufte dem Oberaacher Fabrikanten Hans Löw während des Zweiten Weltkriegs 100 000 Paar Schuhe ab. Nach Kriegsende zerstritten sie sich. Mandl lieferte Löw den Steuerbehörden aus.

Thomas Wunderlin
Merken
Drucken
Teilen
Entwurfsarbeit an einem Löw-Damenschuh. (Bild: PD/Privatbesitz)

Entwurfsarbeit an einem Löw-Damenschuh. (Bild: PD/Privatbesitz)

Thomas Wunderlin

thomas.wunderlin@thurgauerzeitung.ch

Im Hintergrund seien Kräfte am Werk, denen es um «handfeste Privatinteressen» und um «einen höchst massiven Racheakt» gehe, stellte der Redaktor des «Amris­wiler Anzeigers», Oskar Reck, fest. Dabei bezog er sich auf die Durchsuchung der Schuhfabrik Löw in Oberaach. Mit dieser Aktion hatte die eidgenössische Steuerverwaltung schweizweit Proteste ausgelöst (Ausgabe vom Mittwoch). Unter anderem intervenierte der Am­riswiler Rechtsanwalt und freisinnige Nationalrat Alfred Müller zu Löws Gunsten bei der Steuerverwaltung in Bern.

Ein rumänischer Emigrant namens Mandl habe mit Löw geschäftet und sich dann mit ihm entzweit, schrieb Reck. Er hatte recht: Mandls Anwälte gaben den Steuerbehörden die entscheidenden Hinweise auf Löws Steuervergehen. Auch Bundespräsident Eduard von ­Steiger hörte davon, dass es eine Figur gebe, die im Hintergrund die Fäden ­ziehe. Er fragte am 2. April 1951 bei der Bundesanwaltschaft an, ob es sich bei Mandls Geschäften mit Löw um eine ­Erwerbstätigkeit handle, die im Widerspruch zu fremdenpolizeilichen Vorschriften stehe. Der Bundespräsident prüfte offenbar, ob Mandl ausgewiesen werden könnte.

Josef Mandl stammte aus einer ­jüdischen Familie im siebenbürgischen Bistritz. Mit der rumänischen Aufrüstung vor dem Zweiten Weltkrieg machte er ein Vermögen. Er importierte Waren aus Amerika und Westeuropa und belieferte damit die rumänische Marine, das Ministerium für Flugwesen und das Gesundheitsministerium. Der grassierende Antisemitismus in Rumänien zwang ihn Ende 1940, aus seiner Firma auszuscheiden. Gegen ein beträchtliches Schmiergeld verschaffte er sich einen Dienstpass des rumänischen Aussenministeriums.

Die rumänische Regierung auferlegte ihm, im Ausland Flugzeugleinwand zu erzeugen. Dafür bewilligte sie ihm, auf eigene Kosten Garne in Italien einzukaufen. Er bezahlte sie über das rumänisch-italienische Clearing-System. So gelang es ihm, sein gesamtes Vermögen von rund 350 000 Franken in die Schweiz zu transferieren, zum grössten Teil in Warenform. Mandl weigerte sich jedoch, «den faschistischen Armeen Rumäniens Flugzeugleinwand zu liefern», wie er später schrieb. Stattdessen exportierte er Löw-Schuhe nach Rumänien.

Einen Teil des Garns liess er bei der Firma Stoffel & Co. in St. Gallen zu ­Hemdenpopeline veredeln. Stoffels Verkaufsdirektor Bruderer nahm den Auftrag entgegen, obwohl er Mandls Ver­halten als Sabotage verurteilte. Mandl verdächtigte Bruderer, ihn in Rumänien angeschwärzt zu haben.

Damit er seine Geschäfte abwickeln konnte, wurde Mandls Aufenthalts­bewilligung immer weiter verlängert. Dafür spannte er seine Geschäftspartner ein. «Während der Dauer des Krieges verstand es Mandl sodann, immer neue Fristerstreckungen zur Abwicklung immer neuer Geschäfte, für die jeweilen die ­interessierten Schweizerkreise nachdrücklich intervenierten, zu erwirken», hiess es im Bericht, den der Bundes­anwalt 1951 dem Bundespräsidenten ablieferte.

In Rumänien zu 15 Jahren ­Zwangsarbeit verurteilt

Am 23. Dezember 1946 verurteilte ein rumänisches Militärgericht Mandl in Abwesenheit wegen Sabotage zu fünfzehn Jahren Zwangsarbeit. Im Urteil wurde die Firma Stoffel erwähnt: «Wie Herr Bruderer, Direktor dieser Firma, beweist, wurde die Herstellung dieser Flugzeugleinwand von Josef Mandel hintertrieben und sabotiert.» Mandls Anwalt erklärte seinem Klienten, das Urteil habe den Vorteil, dass er in der Schweiz unter allen Umständen das Gastrecht als politischer Flüchtling anrufen könne.

Weil er ihr bei der Enttarnung des rumänischen Spions Solvan Vitianu half, setzte sich auch die Bundesanwaltschaft für die Aufenthaltsverlängerung Mandls ein. Vitianu, geboren 1906 im rumänischen Galati unter dem Namen Salomon Witzmann, kam 1947 als rumänischer Agent in die Schweiz, um an das Ver­mögen rumänischer Staatsbürger zu ­gelangen. Vitianu wurde im August 1948 verhaftet, worauf Rumänien mit Repressalien gegen Schweizer Bürger in Rumänien reagierte. Im Juni 1949 verurteilte das Schweizer Bundesgericht Vitianu zu 18 Monaten Zuchthaus. Im Dezember 1949 wurde er entlassen und ausge­wiesen.

Nach der Aufdeckung Vitianus enttarnte Mandl einen weiteren Spion, nämlich Maxim Maximo, einen Zeugen im Vitianu-Prozess. Maximo, geboren 1896 als Moise Edelstein im rumänischen Jasi, reiste 1942 in die Schweiz ein, wo er einer der Käufer von Mandls Hemdenpopeline wurde. Maximo half Vitianu, Guthaben rumänischer Staatsbürger auf Schweizer Bankkonten auszuspionieren. Die schweizerische Bundespolizei verhängte im Juni 1950 eine Einreisesperre über Maximo.

Für Löw war das Geschäft mit Mandl so wichtig, dass er dem Steckborner Nähmaschinenfabrikant Fritz Gegauf eine Provision von 15 000 Franken zahlte, weil er ihn mit Mandl in Kontakt gebracht hatte. Der Werkvertrag zwischen Mandl und Löw vom 16. Juli 1943 belief sich auf 60 000 Paar Schuhe für Herren und Damen. Am 18. Januar 1944 vereinbarten Mandl und Löw die Lieferung weiterer 40 000 Paar. Löw gab einen Teil des Auftrags Mandls an die Firma Bally weiter, die 20 000 Paar Schuhe für Mandl herstellte und in diesem Zusammenhang 200 Aktien der Löw Schuh­fabriken AG übernahm. Löw teilte Mandl am 26. Mai 1944 mit, dass das erste ­Umarbeitungsgeschäft endgültig abgeschlossen sei. Dieses habe drei Monate Arbeit für 400 Arbeiter bedeutet, «was in Anbetracht des grossen Rohwarenmangels eine ausserordentlich willkommene und zusätzliche Beschäftigung bedeutete».

Ab 1946 führten Löw und Mandl jedoch zwei langwierige Prozesse gegeneinander. Da er nun genug Arbeit hatte, sank Löws Interesse an der «richtigen Ausführung der Werkverträge», hielt ein Anwalt Mandls fest. Löw setzte unter anderem auf eine Ausweisung Mandls. Die Prozesse mit Löw lieferten Mandl jedoch paradoxerweise die besten Argumente für die Verlängerung seiner Aufenthaltsgenehmigung.

Im Schuhprozess erhielt Mandl vom Zürcher Handelsgericht am 12. Dezember 1956 recht. Anfang 1958 bestätigte das Bundesgericht den Entscheid. Die Ausführung des Auftrags von 100 000 Paar Schuhen entsprach nach Ansicht der Richter nicht den gestellten Forderungen. Der mittlerweile verstorbene Hans Löw war nach ihrer Ansicht nicht befugt gewesen, Material von Mandl anderweitig zu verwenden und ihm dafür einen Preis zu zahlen, der ihm gut schien.

Während Mandl und Löw den Schuhprozess vor dem Zürcher Handelsgericht austrugen, stritten sie sich vor dem Bezirksgericht Bischofszell um Gerbstoff und Häute. Dieser Streit war es, in den Alfred Müller, der Amriswiler Anwalt und Nationalrat, als Vertreter Löws involviert war. Noch während des Kriegs hatten Mandl und Löw vereinbart, gemeinsam in Argentinien Gerbstoff und Häute zu kaufen. Diese Rohstoffe waren in Südamerika billig zu ­haben, da der Transport nach Europa angesichts des knappen Schiffsraums schwierig war.

In einer Abrechnung gab Löw einen Einstandspreis von 695 000 Franken an, wie wenn er vereinbarungsgemäss mit offiziellen Dollars bezahlt hätte. In Wirklichkeit habe er die 1100 Tonnen Gerbstoff in argentinischen Pesos bezahlt, warf ihm Mandl vor. Dadurch habe er die Ware zu einem bedeutend billigeren Preis erhalten. Da Alfred Müller nach dem Steuerskandal nichts mehr von Löw wissen wollte, führte sein Juniorpartner Hans Munz, der spätere Thurgauer ­Ständerat, den Gerbstoff- und Häute­prozess weiter. Das Leder wurde 1963 je zur Hälfte den beiden Parteien zu­gesprochen. «Per saldo war es ein brot­loser Handel», sagte Munz rückblickend. «Der Streit ging, bis die Häute kaputt waren. Es war ein Streit um Kaisers Bart.» Nur das Gerbmittel habe noch einen gewissen Wert behalten.