STERBEHILFE: «Der Mensch soll selbstbestimmt sterben dürfen»

In der Debatte über die Sterbehilfe appelliert Barbara Kern, SP-Kantonsrätin und Kreuzlinger Stadträtin, an Eigenverantwortung. Wenn jemand Gründe darlegt, nicht mehr länger leben zu wollen, soll er sterben dürfen. Diesen Entscheid gelte es zu akzeptieren.

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Barbara Kern, Kreuzlinger Stadträtin, Dep. Soziales. (Bild: Reto Martin)

Barbara Kern, Kreuzlinger Stadträtin, Dep. Soziales. (Bild: Reto Martin)

Barbara Kern, wann soll man sterben dürfen?

Wenn eine Person so krank ist, dass sie ihre Lebenssituation nicht mehr aushält. Ich bin der Meinung, wenn jemand sagt, «ich habe mein Leben gelebt, doch jetzt ist es nicht mehr lebenswert», weil beispielsweise Alltägliches wie ein Toilettengang oder die eigene Verpflegung nicht mehr ohne Hilfe möglich ist, soll man sterben dürfen. Ich finde auch, dass eine psychische Erkrankung der Grund für einen selbstbestimmten Tod sein darf.

Ist das nicht zu heikel?

Es passiert ja nicht einfach selbstverständlich. Vor der Einnahme des tödlichen Mittels – und das ist ein grosser Schritt – steht ein langer Entscheidungsprozess mit Einbezug der Familie, des Arztes und der Sterbehilfeorganisation. Die Gründe muss man immer anschauen, es gilt aber zu akzeptieren, wenn jemand den Entschluss fasst.

Barbara Kern, Kreuzlinger Stadträtin, Dep. Soziales. (Bild: Reto Martin)

Barbara Kern, Kreuzlinger Stadträtin, Dep. Soziales. (Bild: Reto Martin)

Kritiker fürchten, dass durch Sterbehilfe ein Druck auf Alte und Einsame aufgebaut wird und sich diese dadurch als Belastung für die Gesellschaft verstehen könnten.

Das ist eine Doppelmoral. Aus denselben konservativen Kreisen hören wir, dass die Pflege zu viel kostet, dass bei den sozialen Ausgaben gespart werden müsse. Gerade die Politik übt dadurch einen starken Druck auf die ältere Bevölkerung aus, nebst der Werbung, die uns vermittelt, dass man nur noch jung und faltenfrei sein darf.

Sie stehen gleichzeitig für einen Ausbau in der Pflege ein.

Wir haben für die Palliative Care gekämpft. Sie ist eine grosse Errungenschaft. Aber sie kann nicht alles. Trotz sehr guter Pflege kann es für jemanden nicht mehr stimmen, weil die Selbstbestimmung über das eigene Leben ­verloren gegangen ist. Dann soll man selbstbestimmt gehen können. Das ganze Leben lang muss man funktionieren – Schule, Ausbildung, Steuern zahlen... Ich brauche nicht auch noch ein Gesetz, das mir das Recht nimmt, zu entscheiden, wann ich sterben will. Auch muss das nicht in jedem Fall der Herrgott bestimmen.

Gibt es einen Grund, der nicht sein darf?

Das Geld. Wir müssen Finanzen für die Pflege zur Verfügung stellen. Die alten Menschen dürfen nicht auf die Idee kommen, eine finanzielle Last für die Gesellschaft zu werden. Dort hört es auf. Wir müssen alles tun, dass deswegen kein Todeswunsch aufkommt.

Wo besteht Ihrer Meinung nach weiterer Handlungs­bedarf in der Sterbehilfe?

Als gelernte Pflegefachfrau war ich nahe an den Leidenden dran. Die Sterbehilfeorganisationen sind so stark, weil es den Hausärzten nicht möglich ist, den letzten Schritt mit ihren Patienten zu gehen. Natürlich hindert sie der Eid des Hippokrates daran. Ich finde aber, sie sollten in der heutigen Zeit diese Verantwortung übernehmen dürfen. (sme)

Wenn jemand Gründe darlegt, nicht mehr länger leben zu wollen, soll er sterben dürfen, sagt Kantonsrätin Barbara Kern. (Bild: Archiv)

Wenn jemand Gründe darlegt, nicht mehr länger leben zu wollen, soll er sterben dürfen, sagt Kantonsrätin Barbara Kern. (Bild: Archiv)