STECKBRIEFSTECKBRIEF: «Ich operierte den kleinen Finger eines Säuglings»

Mini Büez

Sabrina Bächi
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Ein Kamel hatte ihn gebissen – sein Arm stand völlig quer ab. Deshalb operierte ich Aba, ein angehender Stammesfürst der Tuareg aus dem Niger. Er hatte ein unglaublich freundliches Gesicht und prächtige weisse Kleider. Eine Begegnung, die ich nicht so schnell vergessen werde. Seit 30 Jahren operiere ich in Münsterlingen als Facharzt der Handchirurgie beispielsweise schmerzende Arthrose-Gelenke oder Unfallverletzungen. Ursprünglich komme ich aus dem Kanton Bern. Während des Militärdienstes verschlug es mich nach Münsterlingen. Ich wusste nicht einmal, wo das ist. Aber wie es so geht, habe ich dort meine Frau kennen gelernt und bin geblieben. Als Städter konnte ich es mir zuerst nicht vorstellen, auch nur länger als ein Jahr im ländlichen Thurgau zu bleiben. Das habe ich auch meiner Frau gesagt. Aber dann habe ich die Vorzüge des Landlebens entdeckt: Ich habe keinen Stau auf den Strassen, es ist alles ruhiger und die Landschaft ist fantastisch.

Dass ich dereinst Handchirurg werde, war nicht von Anfang an klar. Glücklicherweise kam ich als Assistenzarzt nach St. Gallen in die Orthopädie. Hier bin ich auch das erste Mal mit der Handchirurgie in Berührung gekommen. Schliesslich zog es mich wieder nach Münsterlingen zurück. Dort konnte ich eine eigene Abteilung für die Handchirurgie aufbauen. Zu Beginn kamen dann auch nur etwa vier Patienten in der Woche. Heute sind es 6000 im Jahr mit etwas über 1000 Operationen, die pro Jahr durchgeführt werden. Praktisch als Einmannbetrieb habe ich in der Handchirurgie angefangen. Zwischenzeitlich hat sich in der Spitalwelt jedoch einiges getan. Die Patienten sind jetzt Kunden, und das Geld ist wichtig. Sicher, ein Spital muss rentieren, aber das Wichtigste ist und bleibt der Mensch. Mir hat es immer besonders am Herzen gelegen, ein Vertrauensverhältnis zu meinen Patienten zu haben. Auch die Ausbildung junger Ärzte finde ich sehr wichtig. Spezialisiert habe ich mich auf Gelenkprothesen der Finger oder Handgelenke. In den USA habe ich bei Luis Scheker eine spezielle Prothese für das Handgelenk kennen gelernt. Kaum in der Schweiz zurück, hatte ich tatsächlich einen Patienten mit diesem Problem. Ich sagte ihm, dass ich eine neue Methode kenne, sie jedoch selbst noch nicht angewandt habe. Die Operation war die erste mit der Scheker-Prothese ausserhalb der USA – und ein Erfolg.

Ich habe viele interessante Menschen und Schicksale kennen gelernt. Einmal habe ich einen sechs Monate alten Säugling operiert und zwar am kleinen Finger! Geblieben ist mir auch eine Asylantin, die so schlimme Dinge erlebt hatte, dass sie sich mit einem Messer die Pulsadern aufschnitt, um sich das Leben zu nehmen. Sie hat überlebt und hatte danach Beschwerden mit der Hand. Sie hatte mit dem Messer den Nerv durchtrennt, sie konnte jedoch erfolgreich operiert werden. Obwohl die meisten meiner Operationen gut verlaufen sind, birgt jeder Eingriff ein gewisses Risiko. Mit dem Misserfolg muss man leben. Er ist sogar wichtig. Es lehrt einen, bescheiden zu bleiben und nicht jeden Erfolg als selbstverständlich hinzunehmen. Ich habe mir immer gesagt, wenn mir das Schicksal meiner Patienten nicht mehr wichtig ist, dann ist es Zeit, aufzuhören. Bis heute ist das nie passiert. Nur die Pensionierung kann mich vom Arbeiten abhalten – das ist Ende Monat so weit.

Notiert: Sabrina Bächi

Name Martin Peterer

Beruf Glacéproduzent

Alter33

Wohnort Erlen