STECKBRIEF: «Mit meinem Mann ins Kino? Das wird schwierig!»

Mini Büez

Silvan Meile
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Meinen Job gibt es kein zweites Mal. Als Munotwächterin trage ich zum unverwechselbaren Sound der Stadt Schaffhausen bei. Jeden Abend um 21 Uhr muss ich während fünf Minuten das Munotglöcklein läuten. Diese Tradition geht bis ins Mittelalter zurück. Damals überblickte der Munotwächter die Stadt und schlug bei Feuer oder anderen Gefahren Alarm oder signalisierte etwa die Ankunft von Schiffen. Und immer um 21 Uhr läutete er, weil dann jeweils die Tore und somit der sichere Zugang zur Stadt geschlossen wurden.

Meine Funktion gründet in jener Zeit, besteht also bereits seit fast 700 Jahren. Heute hat das Geläute einen heimatlichen Sinn, ist eine Tradition der Stadt, die es wohl nirgends sonst gibt. Seit dem 1. Mai bin ich die erste Munotwächterin überhaupt, aber nicht die erste Frau, die hier oben arbeitet. Mehrere Frauen übten diese Aufgaben schon aus, weil ihre Männer im Amt als Munotwächter verstarben und sie es weiterführten. Bisher wurden aber nur Männer in dieses Amt gewählt. Als erste gewählte Munotwächterin habe ich somit einen Platz in den Geschichtsbüchern. Nebst mir haben sich mehr als 80 Personen für dieses Amt bei der Stadt beworben, darunter etwa 15 Frauen. Ich übe den Job zusammen mit meinem Mann aus. Wir wohnen im Turm der Festung und haben eine grandiose Aussicht. Diese Wohnung ist für den Munotwächter vorgesehen. Am Morgen öffne ich die Tore für die Besucher, tagsüber amte ich als Hauswart und abends schliesse ich die Anlage wieder und läute um 21 Uhr mit der Glocke. Mein Mann betreut vor allem die Hirschkolonie im Graben, der den Munot umgibt. Auf selbstständiger Basis bieten wir auch Führungen für Touristen an. Falls ich beispielsweise am Abend mal ins Kino will, muss mein Mann die Glocke bedienen. Wenn wir gemeinsam gehen wollen, wird es aber schwierig. Dann brauchten wir eine Stellvertretung. Auch allfällige Ferien müssten wir gut organisieren. Für die Schaffhauser ist das abendliche Läuten ein gewohntes Ritual. Vielen würde es vermutlich sofort auffallen, wenn die Glocke einmal stumm bleiben würde.

Der Munot ist als Festung und Geschützstellung gebaut worden. Das Gebäude ist im Besitz der Stadt, der Munotverein mit seinen mehr als 4000 Mitgliedern ist für den Unterhalt des Baudenkmals verantwortlich. Es war nie eine Burg oder ein Schloss, es war immer eine Bastion. Von hier oben konnten das Feindesgebiet im Norden, der Rhein im Süden und selbstverständlich die Stadt überwacht werden. Hier waren Soldaten stationiert. Dieser Ort hatte nichts mit Romantik zu tun. Heute hingegen schon. Er ist Aussichtspunkt, Ausflugsort und Festplatz, an dem regelmässig die Musik spielt und die Geselligkeit gepflegt wird.

In der Stadt werde ich auch ab und zu auf die Funktion als Munotwächterin angesprochen. Eine Uniform habe ich aber nicht. Zuvor war ich über 27 Jahre lang bei der Gassenküche engagiert, habe sie die letzten Jahre geleitet. Dabei lernte ich eher die Schattenseite der Stadt kennen. Nun arbeite ich auf der Sonnenseite. Ein grosser Unterschied ist das aber nicht. Nett behandelt werden wollen alle Menschen, ob sie nun arm oder reich sind. Und ich kann es generell gut mit den Leuten.

Eine gebürtige Schaffhauserin bin ich nicht. Aufgewachsen bin ich im Thurgau, in Pfyn, was in meinem Dialekt auch nach 30 Jahren in Schaffhausen hie und da noch auffällt. Ich fühle mich mit dem sanften Hügelgebiet des Thurgaus noch sehr verbunden. Aber wenn ich hier oben die Glocke läute, singe ich selbstverständlich das Lied vom Munotglöckchen, nicht das Thurgauerlied.

Notiert: Silvan Meile

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