STECKBRIEF: «An Allerheiligen kommen sehr viele Leute »

Mini Büez

Sebastian Keller
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Vor Allerheiligen haben wir alle Hände voll zu tun. Am 1. November kommen sehr viele Besucher auf den Friedhof Oberkirch in Frauenfeld. Manchmal von weit her – vor allem aus den katholischen Kantonen wie St. Gallen, aber auch aus Zug und dem Tessin. Auch Besucher aus Frankreich hatten wir schon. Vor dem Feiertag bringen wir die Pflanzungen auf den Gräbern und dem gesamten Friedhof auf Vordermann. Auf dem Friedhof gibt es eine Wechselflorbepflanzung, wir pflanzen also im Frühsommer und im Herbst. Skimmien, Erika, aber auch Tulpen und Narzissen. Die Flächen befreien wir vom Laub – oder versuchen es zumindest. Wenn es stürmt, sind wir machtlos – und der Wind schüttelt wieder Blätter von den Bäumen. Aber die Leute verstehen es, wenn auch mal ein paar herumliegen.

Wir sind auch Bestatter. Wir holen also auch Verstorbene zu Hause ab und bahren sie bis zur Beisetzung auf. Diese Arbeit hat mit der von Mike Müller in der Serie «Der Bestatter» nur teilweise etwas gemein. Aber dieses Bild des Berufes sitzt den Leuten in den Köpfen. Im Gegensatz zum Bestatter im Fernsehen sind wir keine Kriminalkommissare. Wir können also nicht einfach beim Pathologen reinspazieren und Todesfälle aufklären. Aber wir haben Berührungspunkte mit der Polizei und der Staatsanwaltschaft, wissen, was sie tun. Das Interesse am Beruf wurde durch die Fernsehserie tatsächlich geweckt. Ich hatte schon mehrere Anfragen von Leuten, die sich für den Beruf des Bestatters interessiert haben. Nach einigen Vorabklärungen haben wir ihnen das ermöglichen können. Verschwiegenheit und Diskretion sind in unserem Beruf zentral. Wir sind auch Mitglied beim Schweizerischen Verband der Bestattungsdienste. Und als solches halten wir uns an dessen Ehrenkodex. Darin heisst es beispielsweise unter Punkt zwei von neun: «Alle Menschen, deren Glaubensbekenntnisse und Bräuche werden geachtet und mit Verständnis und Würde behandelt.» Offenheit ist deshalb zentral.

Es ist schon so, dass die Arbeit mit dem Tod nicht immer einfach ist. Wenn wir ein vierjähriges Kind im Kinderspital abholen müssen. Wenn eigenhändige Zeichnungen und Plüschtiere auf dem Bett liegen. Das geht meinen Mitarbeitern und mir schon sehr nahe. Seit 26 Jahren bin ich auf Friedhöfen tätig, aber emotional bin ich nicht abgestumpft. Ich pflege einen natürlichen Umgang mit dem Tod. Ich sage immer: «Der Tod gehört zum Leben.»

Andererseits spielt auch das Leben in meinem Alltag eine wichtige Rolle. Ich schätze den Kontakt zu den Menschen, zu den verschiedenen Kulturkreisen, zu den Religionen. Für mich sind das keine Schlagworte, das sind Bestandteile meines Alltags. Und wenn jemand leidet – ein Angehöriger oder eine andere trauernde Person –, dann habe ich ein offenes Ohr und schenke ihnen meine volle Aufmerksamkeit.

Meine offizielle Funktionsbezeichnung ist «Leiter Abteilung Friedhof und Stadtgärtnerei». Mein Team zählt elf Mitarbeiter und einen Lehrling. Ab und zu erhalten wir auch im Bereich Stadtgärtnerei Unterstützung von Personen, die von sozialen Institutionen wie der Stiftung Zukunft oder vom Stift Höfli kommen. Diese Leute haben bei uns eine Tagesstruktur. Und durch die Arbeit, primär in der Pflege der Pflanzen, hat sich schon manch einem eine Zukunft eröffnet. Darauf bin ich sehr stolz.

Die Vielseitigkeit meines Berufs gefällt mir. Wir sind nicht nur dafür da, wenn das Leben verwelkt, sondern bringen auch die Stadt zum Blühen. Wir bepflanzen die Kreisel auf dem Gebiet der Stadt und die städtischen Parkanlagen. Das wird von der Bevölkerung sehr geschätzt. Wenn wir irgendwo eine neue Bepflanzung gemacht haben, erhalte ich auch schon mal Telefonanrufe. Aber natürlich auch, wenn es irgendwo nicht mehr so schön aussieht. Auch das gehört zum Leben.

Notiert: Sebastian Keller