STECKBORN: Wohlwollen und Misstrauen

Steckborn soll eine Aussenstelle des Kreuzlinger Erstaufnahmezentrums für Asylsuchende erhalten. Bund, Kanton und Gemeinde sind deswegen im Gespräch. Am gestrigen Infoanlass gab's Bedenken und Kritik, aber auch Verständnis.

Stefan Hilzinger
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Das Publikum im Steckborner Feuerwehrdepot lauscht den Ausführungen der Verantwortlichen von Bund und Kanton. (Bild: Donato Caspari)

Das Publikum im Steckborner Feuerwehrdepot lauscht den Ausführungen der Verantwortlichen von Bund und Kanton. (Bild: Donato Caspari)

STECKBORN. Die Wände sind hellgelb gestrichen, die Durchgänge grün gerahmt, die Betten dreistöckig. Die Anlage ist riesig und heisst offiziell Geschützte Operationsstelle (Gops). Hier, unter Erde und Beton beim Steckborner Feuerwehrdepot, sollen bald bis zu 300 Asylbewerberinnen und Asylbewerber für anderthalb Tage eine Bleibe finden.

Das Staatssekretariat für Migration des Bundes (SEM) will die Kapazitäten erhöhen, sollte die Zahl der Flüchtlinge, die an der Schweizer Grenze Einlass begehren, plötzlich rasch ansteigen. Wegen der Nähe zu Kreuzlingen und wegen der Grösse der Anlage ist Steckborn als provisorisches Aufnahmezentrum ein Thema (siehe Kasten). Gestern informierten Bund, Kanton und Gemeinde erstmals im Detail über die mögliche Umnutzung der Gops – denn bis Ende Monat bleibt dem Steckborner Stadtrat Zeit, sich zu entscheiden, ob er für die Asylunterkunft Hand bieten will.

Kapazitäten, nicht Angebote

Urs von Däniken, Projektleiter Bundeszentren beim SEM, erklärte, das Zentrum «werde nur im Falle einer Eskalation» in Betrieb genommen. Bereits jetzt betreibe der Bund landesweit 30 solcher Zentren «ohne grössere Probleme». Hier sollen Flüchtlinge im Regelfall höchstens 36 Stunden verbleiben, bevor sie gemäss Schlüssel auf die Kantone verteilt werden. Steckborn wäre eine Aussenstelle des Kreuzlinger Zentrums.

«In Steckborn schaffen wir kein Angebot, sondern Voraussetzungen», sagte von Däniken auf die mehrfach geäusserte Kritik, wonach jeder Ausbau von Infrastruktur bloss noch mehr Asylsuchende anziehe. Dank des Ausbaus an Kapazitäten sei die Zahl der Asylsuchenden weniger stark angestiegen als in den Nachbarländern. Von Däniken erklärte, dass die Asylsuchenden von Caritas von 7 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts betreut werden. Auf 100 Personen rechnete der Bund mit fünf bis sieben Betreuern. Securitas ist an sieben Tagen rund um die Uhr anwesend. Im Notfall ist die Kantonspolizei zur Stelle, die für ihren Mehraufwand vom Bund dafür entschädigt wird. In der Regel hätten die Menschen keinen Ausgang, während sie in Steckborn sind. Lediglich in Ausnahmefällen, etwa am Wochenende, könne ein Ausgang von 9 bis 17 Uhr gewährt werden. «Niemand kommt unkontrolliert aus der Anlage heraus oder in sie hinein», sagte von Däniken auf entsprechende Bedenken.

Zigarettenrauch im Zimmer

Alkohol und Rauchen in den Anlagen seien verboten. Wie es denn mit den Rauchern sei?, wollte jemand wissen. Es werde im Freien eine Raucherecke eingerichtet, sagte von Däniken. Eine Anwohnerin befürchtete, dass der Rauch in ihr Schlafzimmer herüberwehe. Rauchen sei nur bis 22 Uhr gestattet, und die Raucherecke werde ein Dach erhalten.

Ein weiterer Votant sorgte sich um den Tourismus. «Wenn die Leute in den Ausgang dürfen, sehen das die Touristen», sagte der Mann. Steckborn werde in zwölf Monaten nicht mehr die- selbe Stadt sein. Diese Ansicht teilt Stadtpräsident Roger Forrer nicht. Der Stadtrat hätte es sich einfach machen können und die Anfrage von Bund und Kanton rundweg ablehnen können. Mit dem Infoanlass wolle der Stadtrat den Puls der Bevölkerung fühlen. Nebst Bedenken und Kritik gab's auch Wohlwollen zu vernehmen, das sich weniger in Wortmeldungen als in motivierendem Applaus äusserte.

Der Bund will die Anlage im Bedarfsfall von der Stadt mieten, gegen eine monatliche Entschädigung von 27 000 Franken. Die Stadt lasse sich dadurch nicht kaufen, sondern sie nehme ihre Verantwortung wahr, sagte Forrer. «Nur weil einer einmal draussen eine Zigarette rauchen wird, sagen wir nicht Nein.»