STECKBORN: Ein Hauch Provence am Untersee

Nicht alle Eltern können sich Ferien mit ihren Kindern leisten. Dafür gibt es den Ferienpass. Für ein vielfältiges Angebot wie den Wildkräuterkurs bedarf es jedoch der Mitarbeit aus der Bevölkerung.

Judith Meyer
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Bei einem Kurs des Ferienpasses lernen Kinder alles über Wildkräuter. (Bild: Judith Meyer)

Bei einem Kurs des Ferienpasses lernen Kinder alles über Wildkräuter. (Bild: Judith Meyer)

Judith Meyer

unterseerhein@thurgauerzeitung.ch

Fleissige kleine Hände zerlesen die vielen saftig grünen Brennnesseln, die Lisa Buzzi und Ioana Musat mit Kindern aus Steckborn und Umgebung bei gleissender Hitze im verwunschenen Kräutergärtchen des Schloss Glarisegg gesammelt hatten. «So, nun brauch’ ich all eure Brennnesseln», lässt Buzzi die kleinen Sammler bei einer kürzlichen Ferienpass-Aktion wissen. Musat fragt zur Sicherheit noch einmal pädagogisch geschickt das Wissen der Kinder ab: «Wisst ihr alle noch, wo wir die Brennnessel anfassen, damit sie uns nicht sticht?» – Ja, die Kinder wissen es, und die Mutlosen nehmen sofort den dicken Gartenhandschuh oder eine Socke hervor, um damit die Brennnesseln, die sich in kleinen Holzkörben befinden und nun frei auf den bunten Teppich, den Buzzi und Musat für die Kinder auf der Wiese ausgelegt hatten, ausgeschüttet werden, zerpflücken zu können.

Doch leider scheint die Sonne zu sehr in die kleinen Gesichter, und so rücken Buzzi und Musat mit Hilfe der Kinder den bunten Flickenteppich kurzerhand in den Schatten eines Obstbaumes. Überhaupt laden die antiken Gartenmöbel aus Holz zum spontanen Verweilen im lauschigen Gärtchen neben dem Schloss ein. Schliesst man die Augen, hört man tausenderlei Geräusche, die gestressten Stadtohren kaum noch auffallen: Eine Biene summt friedlich eine Blume an, ein Vogel trällert sein Lied, der Wind bläst vom See und zerzaust die Haare wegen der drückenden Hitze aufs Angenehmste, Duft von Rosmarin, Lavendel, Zwiebeln und Kamille steigt in die Nase; man wähnt sich fast in der Provence statt am Untersee.

Borretsch, Labkraut, Schafgarbe und Malven

Die Tagträumerei findet ein Ende als die 9-jährige Emily euphorisch kreischt: «Ich hab’s geschafft, ich hab’s geschafft, ich habe eine Brennnessel auf der Vorderseite angefasst, ohne dass sie mich pikst.» Borretsch, Labkraut, Schafgarbe und Malven liegen neben den Brennnesselblättern, die darauf warten, zu einer schmackhaften Suppe verarbeitet zu werden. Die Kinder bestimmen die unbekannten Pflanzen und Wildkräuter, die sie gesammelt hatten, mit Hilfe eines Naturführers. Geduldig und mit viel Wohlwollen und Freundlichkeit stehen die beiden Kräuterfrauen Buzzi und Musat den Kindern für Fragen zur Verfügung. «Kann man Gras essen?», fragt ein Kind. «Nein, für uns Menschen ist das weniger gut zu verdauen», meint Musat.

Nun steht das Kochen mit den Wildkräutern an. In der Freiluftküche im Garten bereiten alle Einfaches, aber Leckeres zu. Die Kinder werden dazu angeleitet, wie man die Kräuter für die Küche bereit macht. Blümchen und Kräuter werden geschnitten und für die Kräuterbutter zerteilt. Für das Kräuteromelett schnippeln die Kinder alles millimeterklein. Das Andünsten der Zwiebeln für die Brennnesselsuppe übernimmt Buzzi. «Ich bin sehr zufrieden, es war ein schöner Nachmittag in der Natur», sagt sie mit einem zufriedenen Lächeln und dem Kochlöffel in der Hand. Emily und ihre Freunde sind auch nächstes Jahr wieder mit von der Partie, wie sie gegen Ende des Kurses überzeugt versichern.