St. Galler Verdi-Projekt geht interkantonale Wege

Elterngespräche in der Schule sind für Migranten oft so schwierig wie für die Lehrer. Das St. Galler Verdi-Projekt hilft mit Dolmetschern, die Sprachhürden zu überwinden. Jetzt expandiert Verdi in die Nachbarkantone.

Markus Wehrli
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ST. GALLEN. In Deutschland mussten die Menschen nach 1945 sehr viel Mais essen – ein Übersetzer hatte den Hilferuf an die Alliierten «Wir brauchen Korn» (=Getreide) zu «We need corn» (=Mais) gemacht. Übersetzungsfehler können Folgen haben. Dies merke man zunehmend auch in öffentlichen Institutionen, sagt Beda Meier, Leiter Kompetenzzentrum Integration Kanton St. Gallen. Gestaltet sich wegen sprachlicher Barrieren ein Gespräch etwa im Spital schwierig, kann das nicht nur wegen der verlorenen Zeit teuer werden. Um diesen Problemen besser begegnen zu können, spannen die Kantone St. Gallen, Thurgau, Appenzell Ausserrhoden und Graubünden im Bereich der Übersetzungsdienste jetzt zusammen.

Eine Flucht nach vorne

Verdi, die 1999 gegründete St. Galler Übersetzungsfachstelle, kommt eine Schlüsselrolle zu. Sie vermittelt ab 1. Januar ihre Dolmetscher auch in die Nachbarkantone.

Der Bedarf ist ausgewiesen. In den vergangenen fünf Jahren hätten sich im Kanton St. Gallen die geleisteten Übersetzungsstunden von 2800 auf rund 5600 verdoppelt, sagt Meier. Mit der gestiegenen Nachfrage sei die Fachstelle aber an Grenzen gestossen. Vergleichbar ist die Situation in den benachbarten Kantonen. «Weil auch hier die Übersetzungsdienste mit ähnlichen Zuwachsraten bei gleichbleibenden Ressourcen zu kämpfen haben, ist die Kooperationslösung entwickelt worden.»

Ein Beitrag zur Integration

Meier schätzt, dass die Zahl der Übersetzungsstunden damit auf jährlich 8000 im ganzen Gebiet ansteigen werde. Die bisherigen Dolmetscher der Nachbarkantone werden übernommen und wie bis anhin vermittelt. Die Partnerkantone seien aufgefordert, weitere Übersetzer zu rekrutieren, sagt Meier. Die Vermittlungsarbeit läuft ab Januar aber über Verdi.

Hintergrund der Expansion ist ein Erkenntnisprozess in schulischen, sozialen oder Gesundheitsinstitutionen. Vielen von ihnen scheine klar geworden zu sein, dass sie ihre Aufgaben nicht erledigen können, wenn Sprachbarrieren bestehen, sagt Meier. Der Zuwachs der Dolmetscherdienste ist damit nicht primär auf eine stark wachsende Zahl von Migranten zurückzuführen. «Vielmehr lässt sich die Ausweitung bedarfsgerechter Angebote als unser Beitrag zur Integration von Migranten verstehen.» Was nicht heisst, dass die Zugezogenen von ihrer Selbstverantwortung entbunden wären. Dies scheint auch nicht der Fall. Aktuell lernen in St. Gallen über 4000 Ausländer in verschiedenen Kursen Deutsch.

Ein Anruf genügt

Verdi bietet Übersetzer in 70 Sprachen an. Der allergrösste Teil der Dolmetscher ist aus dem Ausland zugewandert, zudem haben die Verdi-Übersetzer eine spezielle Zusatzausbildung absolviert. Die Kosten für eine Übersetzungsstunde betragen 70 Franken, bezahlt werden sie vom Besteller; 40 bis 50 Franken davon sind für die Dolmetscher. Wer einen Übersetzungsdienst in Anspruch nehmen möchte, kann sich telefonisch bei Verdi melden.

www.verdi-ost.ch