St. Gallen und Thurgau hinken hinterher

Tiefe Maturitätsquote, wenig Hochschulabschlüsse: Im nationalen Vergleich schneiden die Kantone St. Gallen und Thurgau schlecht ab. Beide belegen in der Rangliste die hinteren Plätze – im Gegensatz zu einem kleinen Nachbarkanton.

Marion Loher
Drucken
Teilen
Immer mehr junge Schweizer haben einen Hochschulabschluss. (Bild: Gaëtan Bally/KEY)

Immer mehr junge Schweizer haben einen Hochschulabschluss. (Bild: Gaëtan Bally/KEY)

Die Innerrhoder sind am schlausten. Eine Untersuchung des Bundesamtes für Statistik (BFS) hat ergeben, dass der Kanton Appenzell Innerrhoden 2015 mit 32,4 Prozent den höchsten Anteil an erfolgreichen Hochschulabsolventen aufweist – vor Baselland, Obwalden und Freiburg. Silvio Breitenmoser, Leiter des kantonalen Amtes für Mittel- und Hochschulen in Innerrhoden, musste schmunzeln, als er vom Ergebnis der Studie hörte. «Natürlich tönt das gut und freut uns», sagt er. «Aber ehrlich gesagt, legen wir nicht viel Wert auf solche Ein-Jahres-Zahlen. Schon bald kann es wieder anders aussehen.» Und das ist sehr gut möglich, denn in den vergangenen Jahren rangierten die Innerrhoder beim selben Thema auf Platz 14 (2014), Platz 12 (2013) und Platz 25 (2012).

Für Silvio Breitenmoser beruht das Spitzenergebnis von 2015 nicht auf einer bildungspolitischen Offensive – «die haben wir nicht gemacht» – , sondern auf einer «statistischen Schwierigkeit». Bei einem bevölkerungsmässig kleinen Kanton wie Appenzell Innerrhoden hätten kleine Veränderungen bei der Geburten- oder Jahrgangszahl beispielsweise grosse Auswirkungen auf eine Quote. Das sei beim Hochschulabschluss und der Maturität ebenso der Fall wie bei den meisten anderen Statistiken, sagt Breitenmoser. Aus diesem Grund würden diese Themen in einem längeren Zeitraum von fünf bis zehn Jahren beobachtet. «Das ist für uns aussagekräftiger.»

Ein Grund ist die tiefe gymnasiale Maturitätsquote

Schweizweit hat sich die Abschlussquote der obersten Bildungsstufe in den letzten 15 Jahren mehr als verdoppelt: Sie stieg von knapp 13 Prozent im Jahr 2000 auf beinahe 29 Prozent im Jahr 2015, wie die Daten des BFS zeigen. Die Abschlussquote misst den Anteil der Personen mit einem Lizenziat, Diplom oder Bachelorabschluss einer Hochschule im Verhältnis zur gleichaltrigen Bevölkerung.

Die Zunahme geht vor allem auf das Konto der Frauen. 2015 erwarb fast jede dritte einen Hochschulabschluss, das sind mehr als dreimal so viele wie 15 Jahre zuvor. Bei den Männern war es aktuell gut jede vierte Person. Ein Hauptgrund für den Anstieg der Hochschulabschlüsse dürfte neben der wachsenden Zahl der Studierenden die Einführung der Fachhochschulen im Jahr 1997 sein. An Fach- und pädagogischen Hochschulen machten vergangenes Jahr 16 Prozent der gleichaltrigen Bevölkerung einen Erstabschluss, an den universitären Hochschulen waren es 14 Prozent.

Während Appenzell Innerrhoden die Rangliste anführt, sind St. Gallen und der Thurgau an deren Ende zu finden. Mit 22,5 respektive 22,4 Prozent haben die beiden Ostschweizer Kantone gemeinsam mit Schwyz (21,9 Prozent) den tiefsten Anteil erfolgreicher Hochschulabsolventen. Für Jürg Raschle, Generalsekretär des St. Galler Bildungsdepartements, ist die Erklärung hierfür «relativ einfach»: «Die tiefe gymnasiale Maturitätsquote.» Je weniger die Matura machten, desto weniger könnten eine Hochschule absolvieren, sagt Jürg Raschle.

Die Quote für die gymnasiale Maturität liegt in St. Gallen bei 14 Prozent, im Thurgau bei 13,2 Prozent. Tiefer ist sie nur noch im Kanton Glarus. Der gesamtschweizerische Durchschnitt beträgt 19,9 Prozent. So verwundert nicht, dass St. Gallen und der Thurgau im vergangenen Jahr anteilsmässig am wenigsten universitäre Hochschulabschlüsse aufweisen. Anders sieht es bei den Fach- und den pädagogischen Hochschulen aus. Da liegen beide Kantone mit einer Abschlussquote von 15,5 Prozent im nationalen Durchschnitt (15,8 Prozent).

«Nicht alarmierend, aber beunruhigend»

Einer, der das St. Galler Bildungswesen bestens kennt, ist Erwin Beck. Für den ehemaligen Rektor der Pädagogischen Hochschule St. Gallen sind die Zahlen zwar «nicht alarmierend, aber beunruhigend». Der Kanton St. Gallen habe gemäss Pisa eine der bestaufgestellten Volksschulen der Schweiz. «Da kann es nicht sein, dass der Anteil Hochschulabschlüsse so bescheiden ist», sagt Erwin Beck. Obwohl die Zahlen eines Bildungsjahrgangs allein noch nicht viel erklärten, gebe der statistische Atlas der Schweiz Auskunft über langjährige Entwicklungen. «Und auch da schneidet etwa Appenzell Innerrhoden in allen Vergleichszahlen besser ab.»

In den vergangenen zwölf Jahren hat Innerrhoden die Maturitätsquote um 109 Prozent gesteigert (St. Gallen 38 Prozent) und die Universitätsabschlüsse in den letzten 30 Jahren um 341 Prozent (St. Gallen 85 Prozent). Auch gleich grosse Kantone seien diesbezüglich meist erfolgreicher als St. Gallen.

Woran liegt es? Erwin Beck sagt: «Die unterdurchschnittliche Maturitätsquote ist sicherlich ein Grund. Wäre sie aufgrund einer strengen Auswahl der Besten zu erklären, müssten doch die universitären Hochschulabschlüsse höher sein als 8 Prozent.»

Der Kanton St. Gallen ist sich des Problems der tiefen gymnasialen Maturitätsquote seit Jahren bewusst. Trotzdem will er sie nicht beeinflussen. Mit einer Informationskampagne soll jedoch die Bekanntheit der Maturitätstypen bei den Oberstufenschülern erhöht werden.