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SPURENSUCHE IN KÜMMERTSHAUSEN: Der Nachbar fragt sich: «Hätten wir es merken müssen?»

Löwenhaus bei Kümmertshausen ist ein beschaulicher Weiler. Hier wurde 2010 ein IV-Rentner getötet. Es entstand ein aufwendiger Prozess. Die Bewohner erfahren, was passiert ist und wundern sich.
Donat Beerli
Im beschaulichen Weiler Löwenhaus geschah 2010 der Mord von Kümmertshausen. (Bild: Mario Testa/Reto Martin)

Im beschaulichen Weiler Löwenhaus geschah 2010 der Mord von Kümmertshausen. (Bild: Mario Testa/Reto Martin)

Donat Beerli

thurgau@thurgauerzeitung.ch

Wer nicht unbedingt nach Löwenhaus muss, fährt daran vorbei. Ein paar wenige Häuser säumen die Hauptstrasse, die durch den kleinen Weiler nach Kümmertshausen führt. Kein Laden, keine Beiz, kein Dorfplatz. Dafür Obstplantagen und grüne, saftige Wiesen.

Im November 2010 ist der Alt-Hippie P.G. hier im Oberdorf-Teil von Löwenhaus in einem alten Riegelhaus tot aufgefunden worden. Erstickt, mit der Kapuze seiner Jacke im Mund. Sieben Jahre später deutet am Tatort nichts mehr auf das gewaltsame Verbrechen hin. Die Trauerblumen sind weg, das Haus ist renoviert, die Umgebung wirkt gepflegt, im Garten steht ein Wohnwagen.

Beim Nachbarn war ständig Betrieb

Besuch von Fremden bekommen die Löwenhauser nur noch selten. Die Zeiten, als Journalisten auf der Suche nach einer Story den Dorfbewohnern im Nacken sassen, seien zum Glück vorbei, sagt eine Nachbarin. Ab und zu fahren Fotografen vor, um ein Bild zu schiessen. Dann wisse sie jeweils, dass es wieder etwas Neues gebe. Der Medienrummel hat seine Spuren hinterlassen. Reden ja, aber den eigenen Namen in der Zeitung sehen wollen sie und ihre Familie auf keinen Fall. «Wir haben so lange nebeneinander gewohnt, natürlich verfolgen wir den Prozess interessiert». Doch verändert habe er sie oder das Dorf nicht.

«Dass der Tote einen Umgang mit kurligen Typen gepflegt hat, wussten wir schon», sagt ihr Mann. «Aber was jetzt alles ans Tageslicht kommt, hätten ich nie gedacht.» Manchmal sitze er vor der Zeitung und frage sich, ob man von der ganzen Geschichte vielleicht doch etwas hätte merken können, hätte merken müssen. Aber es sei halt ständig Betrieb gewesen beim Nachbarn. «Irgendwann ist das normal für uns geworden.»

Das gelbe Auto habe sie schon ab und zu gesehen, meint eine Frau aus Kümmertshausen. Das sei aber alles, hier habe er ihres Wissens nach keine Freunde gehabt. Sie stört sich daran, dass ihr Dorf nun wieder negativ in den Schlagzeilen ist. Vor allem, weil Löwenhaus eigentlich nicht zu Kümmertshausen gehöre. «Aber auch diese Geschichte wird vorbeigehen.»

Ein guter Mundharmonika-Spieler

Bekannt war P.G. vor allem in Beizen. «Er hatte fast überall Hausverbot», sagt Kitt, Wirt im «Pöschtli» in Langrickenbach. Der stämmige Mittsechziger mit den grauen, sauber gekämmten Haaren und dem freundlichen Lächeln, kannte den IV-Rentner schon, als Kitt noch Wirt an einem anderen Ort war. «Ich kann nicht beschreiben wie, aber er konnte jeden, der hier drin sass, in zwei Minuten auf 180 bringen.»

So wie an jenem Tag, an den Kitt sich gut erinnern kann. P.G hatte wieder mal Stunk gemacht, Kitt wollte ihn aus der Beiz werfen. Doch der setzte sich auf den Fussboden, klammerte sich an einen Balken und weigerte sich zu gehen. Da packte ihn der Wirt am Gürtel und schleifte ihn auf die Strasse. Ab und zu habe er ihn später noch vorbeifahren sehen, sagt Kitt. Aber ins «Pöschtli» kam er nie mehr. Kitt kennt den IV-Rentner auch anders. Ein guter Mundharmonikaspieler sei er gewesen. Einmal hat er ihm sogar eine CD von sich geschenkt.

Kitts Interesse am Gerichtsprozess hält sich in Grenzen. «Mehr als die Überschrift in der Zeitung lese ich nicht mehr. Ausser ich habe mal viel Zeit.» Und seine Gäste? Ein kurzes «Hesch gseh, es isch wieder öppis drin» sei meistens die einzige Reaktion. Aber diskutiert werde nicht mehr viel über die Geschichte.

Er zog sein Hippie-Leben durch

M.S., lange, zusammengebundene Haare, schmales Gesicht, ist ein langjähriger Freund von G. Manchmal legt er einzelne Zeitungsartikel zum Fall für sich auf die Seite. Die beiden haben früher zusammen in einer WG gewohnt, und M.S war später viel bei P.G. in Löwenhaus zu Besuch. Nach dem Tod des IV-Rentners hat er sogar eine Zeit lang in einem Wohnwagen in dessen Garten gewohnt. «Als Junger hat er mich inspiriert», sagt er. «Er zog sein Hippie-Leben durch, dafür habe ich ihn bewundert.»

Der Freund erfuhr per Mail vom Tod

Als sein Freund starb, war M.S. gerade in Afrika. «Ich habe es via E-Mail erfahren», sagt er. Einen Monat vorher hatte er noch mit ihm telefoniert. «Er sagte mir, dass er es nicht mehr aushält, dass ihn die Gesellschaft kaputt macht.» M.S. schlug vor, ihn in Afrika zu besuchen, doch sein Freund wollte nicht.

Überrascht ihn irgendetwas, das er nun durch die Medien über seinen Freund erfährt? «Eigentlich nicht», sagt er und zieht an der selbst gedrehten Zigarette. «Er war eben so.» Ja, er sei ein Chaot gewesen, der die Leute manchmal fuchsteufelswild gemacht habe. «Doch er war auch ein Mensch, der sich für andere einsetzte, der humorvoll war auf seine Art, ein begnadeter Musiker und im Grunde ein herzensguter Mensch.» Aber wenn er getrunken habe, sei er aggressiv geworden. «Er hatte die Fähigkeit, in den Wunden der Menschen zu graben und sie aufzureissen.» Und das Heroin? An die Geschichte, dass P.G. Heroin bei sich aufbewahrt hatte, glaubt er nicht. «Dafür kannte ich ihn zu gut.»

Der Freund sagt, seine Kollegen und er hätten trotz des brutalen Todes auf ihre Art damit abschliessen können. Manchmal, wenn sie zusammensitzen, sagen sie sich: «Nun hat er es doch noch geschafft.» Was geschafft? «Er hat diese Bande hochgehen lassen und damit ein bisschen Gerechtigkeit geschaffen.» Zumindest für sich.

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