SPRITZMITTEL: Die Quelle der Verunreinigung

Das Thurgauer Grundwasser ist belastet: In einem Viertel aller Proben wiesen Experten einen zu hohen Wert an Pflanzenschutzmitteln nach. Die Bauern wehren sich. Selbst Umweltverbände wollen nicht nur den Landwirten die Schuld zuschieben.

Sabrina Bächi
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Besonders das Spritzen von Pflanzenschutzmitteln fördert die Verunreinigung des Grundwassers. (Bild: Fotolia)

Besonders das Spritzen von Pflanzenschutzmitteln fördert die Verunreinigung des Grundwassers. (Bild: Fotolia)

Sabrina Bächi

sabrina.baechi

@thurgauerzeitung.ch

Wasser ist in aller Munde. Schweizer Trinkwasser sowieso. Doch Experten warnen. Die Pestizidwerte im Grundwasser, woraus unser Trinkwasser aufbereitet wird, steigen. Obwohl Schweizer Trinkwasser sehr sauber und bedenkenlos zu geniessen ist, warnt auch der Wasserverband: «Mittelfristige Massnahmen zum Schutz der Trinkwasserressourcen und damit zur Sicherung der nachhaltigen Wasserversorgung sind dringend notwendig.»

Auch das Thurgauer Grundwasser weist Spuren von Pflanzenschutzmitteln auf, bestätigt das kantonale Amt für Umwelt. Insgesamt 53 Analysen zu 97 Wirkstoffen hat das Amt im Jahr 2016 durchgeführt. Das Resultat: Elf verschiedene Pflanzenschutzmittel konnten im Thurgauer Grundwasser nachgewiesen werden. In 14 der 53 Proben ist der geforderte Maximalwert von fünf Mikrogramm pro Liter gar überschritten worden. Das heisst, etwa ein Viertel der Proben sind mit Pflanzenschutzmitteln belastet. Besonders das Chloridazon, ein Pflanzenschutzmittel für ­Zucker- und Futterrüben, muss gemäss Experten künftig gut ­beobachtet werden. Es gelangt anscheinend sehr gut ins Grundwasser, denn in 92 Prozent der belasteten Proben ist dieses Mittel nachgewiesen worden. Generell gilt: Im landwirtschaftlich intensiv genutzten Mittelland ist die Belastung im Grundwasser höher als beispielsweise im Hinterthurgau, wo vor allem die Graswirtschaft dominiert.

Nachhaltige Lösungen sind gesucht

Die Schuldigen in Sachen Wasserverschmutzung sind also vermeintlich schnell gefunden: Die Landwirte.

Die Schuld allein der Landwirtschaft zuzuschreiben, findet SVP-Nationalrat und Landwirt Markus Hausammann nicht gerechtfertigt. «Wir spritzen nicht aus Vergnügen Pflanzenschutzmittel», sagt er. Doch nötig sei es trotzdem. Denn die Konsumenten und der Handel wünschen den perfekten Gala-Apfel. Eine gute Qualität, Frische, gutes Aussehen und eine lange Haltbarkeit; die Ansprüche an das Schweizer Obst und Gemüse sind hoch. «Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln dient dem Bauern als Ertrags- und Qualitätssicherung», sagt Ueli Bleiker, Leiter des Landwirtschaftsamts. So ist gewährleistet, dass das Gemüse und Obst in der vom Markt gewünschten Qualität zum Verkauf zur Verfügung steht. Das Thema Umweltschutz geht dennoch nicht an den Bauern vorbei. Die Landwirtschaft ist an nachhaltigen Lösungen interessiert. «Die Branche ist sehr aktiv und sucht Alternativen zu herkömmlichen Pflanzenschutzmitteln», sagt der Amtsleiter.

Hinzu kommt, dass der Einsatz der Pflanzenschutzmittel für den Landwirt auch ein finanzieller und arbeitstechnischer Aufwand ist. «Kein Landwirt setzt die Mittel grundlos ein», bestätigt Hausammann. Er fordert ganzheitliches Denken und Zusammenarbeit. «Radikale Forderungen sind nicht zielführend, nur gemeinsam finden wir eine Lösung.» Dabei denkt er vor allem auch an alternative Behandlungsmethoden. «Man müsste vielleicht noch mehr in die Forschung von wirtschaftlichen Robotersystemen investieren», sagt Hausammann.

Der Konsument steht in der Pflicht

Ein Umdenken der Bauern stellt auch Toni Kappeler fest. Der Präsident von Pro Natura Thurgau findet dennoch, dass es an einigen Stellen noch Verbesserungspotenzial im Umgang mit Pflanzenschutzmitteln gibt. Er stellt klar: Veränderungen sind nötig. Eine Sensibilisierung für das Thema sei daher sehr wichtig. Diese Sensibilisierung betrifft jedoch nicht nur die Landwirte. «Die Bauern sind Profis im Umgang mit den Schutzmitteln. Schlimmer sind Hobby-Gärtner, die sich nicht an die Vorgaben halten», sagt Kappeler.

Ausserdem ist der Hauptverursacher der Problematik weder für den Nationalrat noch für den Umweltschützer der Landwirt – es ist der Konsument. «Ich habe Verständnis für die Bauern und ihren Einsatz von Pestiziden», sagt Kappeler. Denn wenn nur der perfekte Gala-Apfel gekauft wird, fördert das den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln. «Die Konsumenten stehen in der Pflicht, auf ihre ästhetischen Ansprüche, beispielsweise beim Apfel, zu verzichten.»