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SPRACHENSTREIT: Showdown im Frühfranzösisch

Trotz nationaler Drohkulisse: Die Grossratskommission will im Thurgau das Frühfranzösisch aus der Primarschule kippen. Das möchte auch SVP-Kantonsrat Urs Martin. Für SP-Parteipräsidentin Nina Schläfli wäre das ein Affront gegenüber der Westschweiz.
Christian Kamm, Thomas Wunderlin
Sie will mit dem Frühfranzösisch-Unterricht im Kanton Thurgau weitermachen, er will aufhören: Nina Schläfli und Urs Martin im Streitgespräch. (Bild: Andrea Stalder)

Sie will mit dem Frühfranzösisch-Unterricht im Kanton Thurgau weitermachen, er will aufhören: Nina Schläfli und Urs Martin im Streitgespräch. (Bild: Andrea Stalder)

Interview: Christian Kamm, Thomas Wunderlin

Nina Schläfli, Urs Martin, die vorberatende Kommission will das Frühfranzösisch im Thurgau definitiv kippen. Wird ihr das Kantonsparlament folgen?

Urs Martin: Ich gehe davon aus. Wichtig ist vor allem, auf der Primarstufe lediglich eine Fremdsprache zu lernen, weil man zuerst Deutsch richtig beherrschen muss.

Sie hoffen weiter auf eine politische Kehrtwende, Frau Schläfli.

Nina Schläfli: Das ist so. Aber eine Pro­gnose ist sehr schwierig. Die Zusammensetzung des Grossen Rates hat sich seit der letzten Abstimmung im Jahr 2014 verändert. Vor einem Jahr fanden Neuwahlen statt. Ich hoffe natürlich auf eine parlamentarische Mehrheit fürs Frühfranzösisch.

Sie waren letztes Mal schon dabei, Urs Martin. Sagen Sie uns, wie es herauskommt.

Martin: Das geht nicht. Innerhalb der Fraktion gab es selbstverständlich intensive Diskussionen. Im Rat selber aber war es bis jetzt schlicht kein Thema.

Aber die SVP steht wie ein Mann hinter der Abschaffung des Frühfranzösisch?

Martin: Ja.

Ist die SP auch so geschlossen?

Schläfli: Wir stehen alle hinter dem Frühfranzösisch. Das haben wir auch schon vor drei Jahren getan – mit Ausnahme von Peter Gubser, der unterdessen nicht mehr Kantonsrat ist.

Die SP vertritt meistens die Interessen der Lehrerschaft. Beim Frühfranzösisch agiert Ihre Partei gegen die Mehrheit der Mittelstufenlehrer.

Schläfli: Die Kritik der Lehrpersonen muss man ernst nehmen. Wir teilen deshalb die Meinung, dass es so oder so zu deutlichen Verbesserungen im Französischunterricht kommen muss. Es braucht mindestens eine Lektion Halbklassenunterricht. Das ist der wesentliche Punkt und nicht, ob wir für oder gegen die Lehrerinnen und Lehrer entscheiden.

Martin: Meine Devise heisst: Wer alles macht, macht nichts richtig. Und: Alles zu seiner Zeit. Wenn man zu Deutsch, Mathematik und Naturwissenschaften noch zwei Fremdsprachen in die Primarschule packt, sind viele Kinder extrem überfordert. Das führt zu Frustration bei Kindern und Lehrpersonen. Deren Kritik erstaunt mich überhaupt nicht.

Mit Ihrer Alternative überladen Sie dafür die Stundentafel auf der Oberstufe, Herr Martin.

Martin: Nein, das funktioniert hervorragend, und ich bin das beste Beispiel. Ich hatte in der Primarschule keinen Fremdsprachenunterricht, arbeite heute in einem börsenkotierten Konzern, brauche Englisch fast jeden Tag und Französisch ebenfalls oft. Kürzlich war ich bei einem Bundesrat zum Abendessen eingeladen, der mit mir nur Französisch sprach. Das zeigt, dass meine Französischkenntnisse so schlecht nicht sein können.

Darf man raten, welcher Bundesrat?

Martin: Mehr sage ich nicht.

Hiess er Berset, und es ging trotzdem nicht ums Frühfranzösisch?

Martin: Wie gesagt, einer, der nur Französisch gesprochen hat mit mir. Aber das zeigt doch: Was zählt, ist nicht, was nach sechs Jahren beherrscht wird, sondern nach neun.

Schläfli: Für eine Überforderung der Kinder, wie sie Urs Martin hier anführt, gibt es keine Belege. Das haben verschiedene Studien aus diversen Kantonen gezeigt. Auch die Zahlen aus dem Kanton Thurgau sind sehr eindrücklich: Nur je knapp ein Prozent der Schüler im Thurgau braucht eine Lernzielanpassung oder Stütz- und Fördermassnahmen. Die Dispensationen liegen im Frühfranzösisch bei 1,8 Prozent und im Englisch bei 0,4 Prozent. Da kann man doch nicht von Überforderung reden.

Martin: Es gibt noch ein weiteres Problem, wenn man mehr Sprachen in die Primarschule packt. Man fördert so tendenziell die Mädchen, weil sich die Buben in diesem Alter mehr für Realien begeistern. Resultat: Das Verhältnis bei den bestandenen Kantiprüfungen hat sich in den letzten 20 Jahren krass zu Gunsten der Mädchen verschoben.

Schläfli: Es stimmt zwar, dass mit dem jetzigen System Buben tendenziell eher benachteiligt werden. Aber der neue Lehrplan bringt auch hier gewisse Verbesserungen, indem man zum Beispiel im Französischunterricht auch über technische oder naturwissenschaftliche Themen sprechen kann, um so mit dem Sprachenunterricht mehr Kinder abzuholen. Es ist falsch, vor allem zwischen Buben und Mädchen zu unterscheiden. Wir sollten uns endlich davon lösen, dass Buben zwangsläufig gut in Naturwissenschaften oder Mathematik sind und Mädchen in den Sprachen. Die Gesellschaft muss hier unbedingt einen Schritt nach vorne machen.

Einverstanden, Herr Martin?

Martin: Es geht doch darum, dass man zuerst einmal richtig Deutsch können sollte. Wenn ich die Deutschkenntnisse eines heutigen Sechstklässlers anschaue, wird mir übel, wie viele Fehler geschrieben werden. Das ist schlimm. Was auch damit zu tun hat, dass ein Sechstklässler heute noch nicht richtig Deutsch kann, ein bisschen Englisch kann und Französisch überhaupt nicht mag.

Schläfli: Vehementer Widerspruch! Dass sich Fremdsprachen negativ auf die Deutschkenntnisse auswirken sollen – auch dafür gibt es keinen Beleg. Im Gegenteil: Auf die Lesekompetenz hat der Fremdsprachenunterricht sogar positive Auswirkungen.

Nina Schläfli, ist der nationale Zusammenhalt tatsächlich gefährdet, wenn der Thurgau das Frühfranzösisch aus der Primarschule kippt?

Schläfli: Das nicht. Aber es wäre ein miserables Zeichen und ein Affront gegenüber der Westschweiz. Das gegenseitige Verständnis, die Solidarität und die Toleranz in diesem Land stünden auf dem Spiel.

Martin: Auch in einem Bundesstaat mit vier Sprachen ist es nicht unsere Aufgabe, Schüler und Lehrpersonen zu verärgern, sondern gute Resultate nach neun Schuljahren zu produzieren. Ich bin häufig in der Romandie unterwegs und werde aufs Thema angesprochen. Ich appelliere dann, nicht einer Scheindiskussion aufzusitzen, sondern sich zu fragen, was die Schweiz wirklich weiterbringt.

Wird der Bund eingreifen, wenn der Thurgau nicht spurt?

Schläfli: Ich habe meine Zweifel, ob ein solches Gesetz durchs Parlament kommt. Falls doch, käme es mit Sicherheit zu einer Referendumsabstimmung. Und man muss sich fragen, ob damit die Einheit nicht noch mehr gefährdet würde als mit einem Ausscheren des Thurgaus. Aber der Bund hat meiner Meinung nach die Kompetenz, hier etwas zu unternehmen. Ob es sinnvoll ist, steht auf einem andern Blatt.

Martin: Aus dem Bildungsartikel allein lässt sich keine Frühfranzösisch-Pflicht für den Thurgau konstruieren. Dafür braucht es das Harmos-Konkordat, wo das Sprachenmodell mit der ersten Fremdsprache ab der dritten und einer zweiten ab der fünften Klasse festge- legt wurde. Hier möchte ich in Erinnerung rufen: Ich war im Kanton Thurgau Präsident des kantonalen Abstimmungskomitees, das Harmos erfolgreich bekämpft hat. Insofern kommt der Thurgau seinen Verpflichtungen voll und ganz nach.

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