Spital AG darf Hausarztpraxen übernehmen

Der Regierungsrat hat die Bedingungen festgelegt, unter denen die Kantonsspitäler in die Hausarztmedizin vorstossen dürfen. Die Spital Thurgau AG suche kein neues Geschäftsfeld, sagt Verwaltungsratspräsident Robert Fürer. Sie sei aber mit Anfragen von Gemeinden konfrontiert, deren Praxen sonst gefährdet sind.

Christof Widmer
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Gefährdete Grundversorgung: Ohrenuntersuch in einer Arztpraxis. (Bild: Ralph Ribi)

Gefährdete Grundversorgung: Ohrenuntersuch in einer Arztpraxis. (Bild: Ralph Ribi)

FRAUENFELD. Die Kantonsspitäler sollen einen Beitrag gegen den Hausarztmangel leisten können. Der Regierungsrat hat beschlossen, der Spital Thurgau AG eine aktivere Rolle in der Hausarztmedizin zu geben. Konkret darf sie künftig in Einzelfällen Hausarztpraxen im Thurgau übernehmen, wenn diese keinen Nachfolger finden. Das soll helfen, eine flächendeckende hausärztliche Versorgung sicherzustellen, teilt der Regierungsrat mit.

Ganz frei kann die Spital-Gruppe aber nicht in die Hausarztmedizin einsteigen. Der Regierungsrat hat dafür Bedingungen aufgestellt: Zuerst muss ein Arzt, der seine Praxis übergeben will, einen Nachfolger suchen. Gelingt das nicht, muss er seine Kolleginnen und Kollegen in der Region kontaktieren. Sie müssen klären, ob sie in der Lage sind, die Praxis, respektive deren Patienten zu übernehmen. Ist auch das nicht möglich, kann die Spital Thurgau AG einspringen und die Praxis übernehmen.

Hintergrund dieser Bedingungen ist der Argwohn eines Teils der Hausärzte gegen ein Vordringen der Spitäler in die Hausarztmedizin. Es sei nicht die Idee, dass das Spital in die Grundversorgung einsteige, heisst es. Der Regierungsrat hat darum bei der Ausarbeitung der Regelung alle Akteure konsultiert (Ausgabe vom 1. September).

«Kein neues Geschäftsfeld»

Die Spital Thurgau AG führt seit zwei Jahren eine Hausarztpraxis in Stein am Rhein. Verwaltungsratspräsident Robert Fürer tritt den Befürchtungen der Hausärzte aber entgegen. «Wir suchen kein neues Geschäftsfeld.» Die Spital-Gruppe bemühe sich nicht aktiv darum, Hausarztpraxen zu übernehmen. Vielmehr sei es so, dass Gemeinden auf die Spital Thurgau AG zukommen, wenn sie merken, dass die Praxis im Dorf mangels Nachfolger vor der Schliessung steht. «Wir stellen fest: Die medizinische Grundversorgung dünnt sich aus. Das macht uns Sorgen», sagt Fürer. «Wir haben vom Regierungsrat eine Klärung verlangt, was wir dürfen und was nicht.» Jetzt sei klar definiert, in welchen Fällen die Spital Thurgau AG eine Praxis übernehmen dürfe. Die Spitäler haben zwar auch nicht zu viele Ärzte. Sie seien aber flexibler und könnten zum Beispiel einen Arzt aus der inneren Medizin für eine Hausarztpraxis einsetzen, sagt Fürer.

Gesundheitsdirektor Jakob Stark rechnet damit, dass die Spital Thurgau AG jetzt tatsächlich Praxen übernimmt. Mit der nun verabschiedeten Regelung verfüge die Spital-Gruppe über eine gute Grundlage. Sie beziehe alle Akteure mit ein. Auch die Gemeinden seien aufgefordert, sich einzubringen, wenn sie eine Praxis erhalten wollen.

Hausärzte haben es in der Hand

Die vom Regierungsrat aufgestellten Bedingungen für eine Praxisübernahme seien aber eine Verzerrung gegenüber den Mitbewerbern, sagt Fürer. Er denkt dabei an Krankenkassen, die Hausarztzentren führen, oder an die Migros, die mit der Übernahme der Medbase AG ins selbe Geschäft einsteigt.

Dass die Spital Thurgau AG vom Kanton als Besitzer Auflagen erhält, müsse kein gravierender Nachteil sein, sagt Stark. «Wenn die Ärzte der Region eine Hausarztpraxis oder deren Patienten nicht übernehmen können, hat die Spital Thurgau AG freie Bahn.» Der Ball liege somit bei den Ärzten. Wenn ein Hausarzt seine Praxis lieber an eine Krankenkasse, die Gesundheitszentren führt, abtrete, sei das sein Entscheid.