SOMMERSERIE «IMBISS»: PFEFFERBOX (5): Halbtags offen, voller Geschmack

Das Restaurant Pfeffer gibt es bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Seither hat sich viel verändert. Der Coiffeursalon im Anbau wurde durch einen Take-away ersetzt. Der ist vor allem bei Kantonsschülern beliebt.

Rahel Haag
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Koch Thomas Ausderau beim Flambieren in der Küche der «Pfefferbox». (Bilder: Reto Martin)

Koch Thomas Ausderau beim Flambieren in der Küche der «Pfefferbox». (Bilder: Reto Martin)

Rahel Haag

rahel.haag

@thurgauerzeitung.ch

«Es ist verboten, sich über das Küchenpersonal und den Geschmack der Speisen zu beschweren!» Der Satz steht auf einem kleinen Blechschild, das an der Wand hinter dem Tresen befestigt ist. Und da steht der strahlende Marco Reali. Er hat immer einen flotten Spruch auf den Lippen und ist eine Frohnatur – durch und durch. Seit fast sechs Jahren führt der 63-Jährige den Take-away Pfefferbox.

Das Gebäude an der Thundorferstrasse war 1780 schon ein Wirtshaus. Damals hiess es noch «Engel». Im Jahr 1901 kaufte es Josef Pfeffer. Zuerst hiess die Gaststätte noch «Hoffnung», später Bierhalle Pfeffer und schliesslich Restaurant Pfeffer. Unter Pfeffer und seiner Frau Josefa wurde die Wirtschaft wieder, was sie schon früher gewesen war: ein Treffpunkt am Rande der Stadt, heisst es im Buch «Frauenfelder Gaststätten damals» des Historikers Angelus Hux. Im Anbau hatte Pfeffer einen Coiffeursalon eingerichtet.

Vom jenem Salon erzählt auch Marco Reali. Danach sei der Anbau als «Säli», später als Sitzungszimmer genutzt worden. «Und heute ist dort der Take-away», sagt er. Ein älterer Mann sei einmal hereingekommen, habe sich umgeschaut und gesagt, dass er sich hier früher die Haare habe schneiden lassen. «Ich rief ihm zu: ‹Komm nur rein, ich hau sie dir grad ab›», erzählt Reali und lacht schallend. Der andere habe abgewinkt und «Sicher nöd» gesagt.

«Heute haben wir weniger, aber mehr»

Das Restaurant gibt es heute nicht mehr. «Vor gut einem Jahr haben wir umgestellt», sagt Reali. Seither gibt es nur noch den ­Take-away. «Die Pfefferbox lief so gut, dass wir hinten in der Küche nicht mehr nachgekommen sind.» Die sei schlicht zu klein. Die Umstellung sei ein Bauchentscheid gewesen, der sich gelohnt habe. «Heute haben wir weniger, aber mehr», sagt er. Das «weniger» bezieht sich auf die Öffnungszeiten, das «mehr» auf den Umsatz. In der Pfefferbox gibt es zwischen 6.45 und 13.30 Uhr Znüni und Zmittag. «Abends war bei uns immer wenig los.» Die Leute seien in der Stadt geblieben, «oder gleich daheim». Da habe man gewartet, aufgeräumt, geputzt. Und obwohl nur wenig oder nichts hereinkam, mussten die Angestellten bezahlt werden. Heute hätten sie keine Serviertochter mehr. «Ich bin die Serviertochter», sagt Marco Reali und lacht.

Auch Teller gibt es keine mehr. Das Essen kommt in der Plastikschale daher. Das sei nicht jedermanns Sache. «Die einen kommen seltener als früher, aber das ist in Ordnung», sagt Reali. Dafür kämen andere. Besonders beliebt ist die Pfefferbox bei Kantonsschülern. Die Terrasse ist jedoch nach wie vor offen. Dort werden die Gäste eben von Reali bedient. In der Küche steht derweil Thomas Ausderau. «Ich lasse ihm freie Hand – und das klappt wunderbar.»

Er sei kein Wirt. «Früher war ich auf Montage.» Dann lernte er seine Partnerin Gabriela Schoop kennen, die das Restaurant Pfeffer führte. Sie hatte es von ihrer Mutter übernommen. «So bin ich reingerutscht», sagt er und lächelt. Dann huscht ein Schatten über sein Gesicht. Vor gut einem Jahr ist seine Gabi verstorben. An einem Hirntumor. Danach ging es nahtlos weiter. «Dank Familie und Freunden war das möglich.» Wenn Reali spricht, lächelt er unentwegt. Seine Zähne sind noch ein wenig weisser als die Haare. Die blauen Augen leuchten. Der Tod seiner Partnerin war nicht der erste Schicksalsschlag in seinem Leben. Selbstverständlich sei er traurig, aber er lasse sich nicht runterziehen. Er sei ein positiver Mensch. «Die anderen, die negativen, mag ich nicht so gerne», sagt er.

Seine positive Art versucht er auch an die Kantonsschüler weiterzugeben, denn bei ihnen ist die Pfefferbox besonders beliebt. Vor kurzem seien sechs frische Erstklässlerinnen bei ihm gewesen. «Sie konnten sich einfach nicht entscheiden», sagt Reali und lacht. Er habe ihnen dann gesagt, dass doch jede etwas anderes bestellen solle, um herauszufinden, was ihnen am besten schmecke. Am nächsten Tag seien sie wiedergekommen und genauso ratlos gewesen. Als Reali nach dem Grund fragte, sagten sie: «Weil alles so fein war.» Er lacht.

Eine Tradition zum Schulbeginn

In den vergangenen Jahren habe sich eine Tradition manifestiert: Am ersten Schultag nach den Sommerferien kämen die älteren Semester, jene, die in einer Verbindung seien, am Morgen bei ihm vorbei und würden zum Frühstück ein Bier trinken. «Dann ist hier Ausnahmezustand», sagt Reali. Dieses Jahr seien es rund 60 Jugendliche gewesen. Um neun Uhr morgens habe er bei einem Frauenfelder Getränkehändler angerufen. «Weil ich kein Bier mehr hatte.» Am anderen Ende der Leitung sei die Verwunderung gross gewesen. Er lacht sein schallendes Lachen. Normalerweise kämen morgens vor allem Handwerker auf einen Kaffee oder Znüni. Doch die wüssten mittlerweile Bescheid über das Ritual. Ein Stammkunde sei erst am Dienstag wieder vorbeigekommen und habe gesagt: «Als ich den Lärm hörte, bin ich gleich weitergefahren.»