So spät wie möglich ins Heim

FRAUENFELD. Eine regierungsrätliche Arbeitsgruppe empfiehlt, dass der Kanton alles unternimmt, dass ältere Menschen möglichst lange zuwarten können, bis sie ins Altersheim eintreten. Das soll helfen, Kosten zu sparen. Die Gemeinden reagieren skeptisch.

Christof Widmer
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Nur wer viel Pflege braucht, soll ins Altersheim, empfiehlt eine Arbeitsgruppe – Demenzstation des Bischofszeller Pflegeheims Sattelbogen. (Bild: Donato Caspari)

Nur wer viel Pflege braucht, soll ins Altersheim, empfiehlt eine Arbeitsgruppe – Demenzstation des Bischofszeller Pflegeheims Sattelbogen. (Bild: Donato Caspari)

Die Alterspflege im Thurgau steht vor einer tiefgreifenden Reform. Geht es nach einer vom Regierungsrat eingesetzten Arbeitsgruppe, sollen ältere Menschen später in Heime eintreten als heute. Das soll dazu beitragen, dass die Kosten für die Ergänzungsleistungen nicht mehr so stark steigen (unsere Zeitung berichtete). Denn wer in einem Alterszentrum wohnt und dort Pflege beansprucht, kann das mit seiner AHV allein oft nicht voll bezahlen. Verfügt der Heimbewohner auch nur noch über wenig Vermögen, erhält er darum vom Staat Ergänzungsleistungen. Diese wiederum finanziert der Kanton zu zwei Dritteln.

20 Prozent der Heimplätze beanspruchen laut dem Bericht der Arbeitsgruppe heute aber Menschen, die nur wenig Pflege benötigen. Sie könnten günstiger ambulant zu Hause versorgt werden – etwa von der Spitex. Sie würden dann viel weniger Ergänzungsleistungen beanspruchen. 3 Millionen Franken jährlich könnten so brutto eingespart werden, rechnet die Arbeitsgruppe. «Ambulant vor Heim» – so lässt sich der Schluss der Arbeitsgruppe zusammenfassen. Spitex, Nachbarschaftshilfe, Freiwilligenarbeit und Entlastungsdienste müssten darum ausgebaut werden.

Zuckerbrot und Peitsche

Das Problem: «Die Gemeinden haben heute zu wenig Anreize, die ambulanten Strukturen auszubauen», sagt Arbeitsgruppenleiter Anders Stokholm. Die Gemeinden müssen diesen Bereich selber finanzieren. Bei den Pflegekosten in Heimen beteiligt sich dagegen der Kanton. Stokholms Arbeitsgruppe schlägt darum vor, dass alle Altersdienstleistungen als Verbundaufgabe von Kanton und Gemeinden gemeinsam finanziert werden. Auch wenn sich der Kanton künftig an der ambulanten Pflege beteiligt, führe das unter dem Strich immer noch zu einer Kosteneinsparung.

Nebst dem Anreiz sollen die Gemeinden auch stärker in die Pflicht genommen werden. Der Kanton soll sie zu einer regionalen Angebotsplanung für die ambulante Pflege und für Pflege in den Heimen verpflichten können. Um die ambulante Pflege zu fördern, würde dabei die Anzahl der Heimplätze verknappt. «Das bedeutet nicht, dass bestehende Plätze abgebaut werden», präzisiert Stokholm. Vielmehr werde das Angebotswachstum gebremst.

Die Vorschläge der regierungsrätlichen Arbeitsgruppe dürften einiges zu reden geben. Damit sie überhaupt eine Chance haben, empfiehlt die Arbeitsgruppe eine breite Diskussion, noch bevor der Regierungsrat die nötigen Gesetzesänderungen in den Grossen Rat schickt.

Gemeinden reagieren verhalten

Fürs erste verhalten reagieren die Gemeinden. «Der Grundsatz ambulant vor stationär ist richtig», sagt Kurt Baumann, Präsident des Verbands der Thurgauer Gemeinden. Er ist aber nicht überzeugt, dass die Angebotsverknappung an Heimplätzen und der Ausbau der ambulanten Pflege wirkt. «Wir können unseren Einwohnern den Zeitpunkt des Heimeintritts nicht vorschreiben», sagt Baumann.

Grundsätzlich hinterfragt er den Vorschlag, die Heimplätze zu verknappen. Bleibe die Nachfrage hoch, sei nach marktwirtschaftlichen Mechanismen absehbar, dass sich die Plätze verteuern. Das wäre das Gegenteil des Erhofften.