Skepsis wegen Sexualkunde

Die Angst geht um, es könnte sich eine neue Art der Sexualkunde in den Schulunterricht einschleichen. Der Thurgauer Nationalrat Werner Messmer will das Thema zum Politikum machen.

Marina Winder
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Was ist guter Sexualkundeunterricht? Die Frage scheidet die Geister. (Bild: Ralph Ribi)

Was ist guter Sexualkundeunterricht? Die Frage scheidet die Geister. (Bild: Ralph Ribi)

Werner Messmer ist nicht der einzige Thurgauer, der sich im Petitionskomitee gegen die Sexualisierung der Volksschule engagiert. Aber der prominenteste. Allerdings will er das Komitee, dem drei weitere Nationalräte angehören, lieber im Hintergrund unterstützen und wenig öffentlich auftreten. Er habe eine differenzierte Meinung zu diesem Thema, die sich nicht in allen Punkten mit dem Gedankengut der anderen Mitglieder des Komitees decke.

Kritik an Art und Weise

Seine Angst besteht vor allem darin, dass der zukünftige Sexualkundeunterricht von einer kleinen Gruppe von Fachkräften gestaltet und gesteuert wird. Seiner Meinung nach müssen aber Regierungs- und Kantonsräte mitreden können, am liebsten wäre ihm, eine entsprechende Vorlage zur Gestaltung des Sexualkundeunterrichts käme vors Volk. «Es kann nicht sein, dass ein paar wenige Menschen bestimmen, wie Sexualkundeunterricht aussehen soll», sagt er. Mit der Unterstützung der Petition will er das Thema zum Politikum machen.

Schweizweite Verankerung

Das Petitionskomitee gegen die Sexualisierung der Volksschule hat sich wegen des «Grundlagenpapier Sexualpädagogik und Schule» formiert. Dieses wurde im Auftrag des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) erarbeitet. Gestützt darauf werden im Fachkreis Überlegungen für die Aus- und Weiterbildung von Lehrpersonen angestellt und Unterrichtsprogramme und Lehrmittel erarbeitet. Das erklärte Ziel ist die schweizweite Verankerung der Sexualerziehung in der Schule. Gegner befürchten, sie fliesse ohne Mitspracherecht der Erziehungsdirektoren in den Lehrplan 21 ein. Das BAG weist die Vorwürfe zurück: Beim Grundlagenpapier handle es sich lediglich um eine Auslegeordnung. Es stehe den Kantonen frei, ob sie es verwenden wollten oder nicht.

Auch inhaltliche Kritik

Dass Fachpersonen einen Vorschlag machen, ist im Sinne Messmers. Er pocht aber darauf, dass dieses Papier alle demokratischen Hürden durchlaufen muss. Der Vorwurf, die Mitglieder des Komitees betrieben Wahlkampf, greift in Messmers Fall nicht, zumal er im Herbst nicht zur Wiederwahl steht. Seine Kritik sei in der Sache begründet, sagt er.

Inhaltlich störe er sich an zwei Punkten des Grundlagenpapiers. Zum einen stelle er eine Auflösung der Geschlechterrollen fest. «Man will schon kleinen Kindern beibringen, dass es zufällig ist, ob ein Mann nun eine Frau oder einen Mann liebt.»

Das geht dem FDP-Nationalrat zu weit. Er will, dass sich das Grundlagenpapier auf christliche Werte stützt und die Ehe zwischen Mann und Frau fördert.

«Eine heikle Sache»

Zum anderen sei die Grenze zwischen Aufklärung und Anleitung zu wenig klar definiert. Sexualkunde im Sinne der Aufklärung gehört gemäss Messmer, der lange Zeit Schulpräsident war, durchaus in den Schulunterricht. «Weil es Eltern gibt, die mit dieser Aufgabe überfordert sind, und weil die Schule nicht nur Wissen, sondern auch eine Anleitung zum Leben vermitteln soll.» Mass und Inhalt dieses Unterrichts seien aber breit und politisch zu diskutieren. «Das ist eine heikle Sache: Meine vier Kinder haben ganz unterschiedlich auf das Thema reagiert. Wie will man im Frontalunterricht allen Kindern gerecht werden?», fragt Messmer. Für die Eltern wäre es seiner Meinung nach einfacher, den Entwicklungsstand der Kinder einzuschätzen und individuell auf sie einzugehen.

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