Sirnach, das komische Publikum

SIRNACH. Das Stück «Total dureknallt» des Volkstheater-Altmeisters Jörg Schneider hielt das Publikum mit Lachen auf Trab. Zur Verwunderung Schneiders lachten die Sirnacher aber nicht an den Stellen, an denen er es erwartete.

Mathias Frei
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Zum 149. Mal: Die zweitletzte Vorstellung des Stücks «Total dureknallt» von Jörg Schneider wurde im Sirnacher Dreitannen-Saal aufgeführt. (Bild: Donato Caspari)

Zum 149. Mal: Die zweitletzte Vorstellung des Stücks «Total dureknallt» von Jörg Schneider wurde im Sirnacher Dreitannen-Saal aufgeführt. (Bild: Donato Caspari)

Nach fast zwei Stunden Theater, das einen dauerhaft schmunzeln gemacht hat, zeigt sich das Publikum im schmucken Dreitannen-Saal mehr als nur begeistert vom Ensemble um den bekannten Schauspieler Jörg Schneider. Der Vorhang geht immer wieder auf und zu, der Applaus hält an. Da tritt der wunderbar «gmögige» Schneider, dem man seine 76 Jahre auf der Bühne in keiner Sekunde anmerkt, einen Schritt vor und sagt: «Sirnach, ihr seid ein komisches Publikum.» In Sirnach ist das Dialekt-Lustspiel «Total dureknallt» zum 149. und zweitletzten Mal aufgeführt worden. Noch eine Vorstellung im Tessin. Dann ist diese Produktion Geschichte.

Eher seltsam als komisch

In der Garderobe erzählt Schneider von der an sich sehr erfolgreich verlaufenen Tournée. Denn wenn immer so wenig Leute kommen würden wie heute, würde sich das nicht lohnen, so Schneider. Er hoffe aber, die Einsicht zu haben, aufzuhören bevor niemand mehr komme, schmunzelt er. Es sei ja auch so, dass die Publika verschieden seien, da werde mehr gelacht, dort lauter. Und in Sirnach sei das Publikum komisch gewesen. Die hätten an Stellen gelacht, wo sonst nie gelacht werde, und nicht gelacht, wo sonst gelacht werde. Wahrscheinlich findet das Schneider mehr seltsam als komisch. Das Publikum jedenfalls fand es komisch. «Isch luschtig gsi», stellt eine Besucherin zufrieden fest, und dass es schon etwas anderes sei als im Fernsehen. Ein älterer Herr findet, dass Schneider trotz seines Alters noch «einen drauf» habe. Da hat er nicht Unrecht.

Denn die Anlage des Stückes ist irrwitzig. Als der Vorhang eine Minute nach 20 Uhr die Sicht auf ein schäbiges Zimmerinterieur freigibt, hält sich Schneider den Lauf einer Pistole an die Schläfe. Er spielt den weinerlichen Kitschroman-Schriftsteller Bachmann, der des Lebens müde ist. Aber nicht mal mit dem Suizid klappt es, weil zuerst die redselige Putzfrau Hauser, dann sein Göttibub Leo auftauchen. Leo ist übrigens auch gerade unglücklich, hat zudem eine Pistole, die wohl für einen doppelten Kopfschuss reichen würde. So wird nach viel Whisky und Cognac beschlossen, am nächsten Tag gemeinsam in den Tod zu gehen. Soweit kommt es aber nicht, weil sich drei schusselige Kriminelle nach dem Überfall auf das Steueramt in Bachmanns Wohnung verschanzen.

Keiner muss sterben

Schliesslich weiss man nicht mehr, wer freiwillig Geissel ist, wer unfreiwillig Geisselnehmer. Einer der Gauner ist am Ende klinikreif, die Komplizin bandelt mit einer der Geisseln an. «Total dureknallt» sind irgendwie alle, tot ist keiner. Und das ist gut so.