Silicon-Valley-Träume in Wil West

Ist ein ETH-Standort Wil West mehr als eine Vision? Ein Podiumsgespräch lieferte vor Ort eher ernüchternde Antworten. Realistischer erscheinen ein zweiter Anlauf für einen Innovationspark und die Verstärkung der Empa-Filiale.

Marcel Elsener
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Licht am Horizont? ETH-Ratspräsident Fritz Schiesser machte in Wil nur leise Hoffnungen. (Bild: Peter Käser)

Licht am Horizont? ETH-Ratspräsident Fritz Schiesser machte in Wil nur leise Hoffnungen. (Bild: Peter Käser)

MÜNCHWILEN. In drückender Hitze ist die Vision schleierhaft. Und so erschien die Vorstellung eines ETH-Campus am Mittwoch im Glashaus der Autowelt von Rotz direkt am Münchwiler Anteil des Entwicklungsareals Wil West zuweilen wie eine Fata Morgana. Gleichzeitig spielte der FC Wil gegen Wohlen und hatte keine Chance: Die Aargauer waren den St. Gallern im Fussballmatch stets einen Schritt voraus – so, wie sie es in der Standortkonkurrenz um die Ansiedlung von ETH-Betrieben waren, namentlich das Paul-Scherrer-Institut in Villigen. Bei der Ausmarchung, die im Autohaus diskutiert wurde, lautet der «Gegner» allerdings Dübendorf: Dort will die ETH Zürich Teile des Bereichs Maschinenbau und Verfahrenstechnik ansiedeln. Und dort befinden sich Empa-Abteilungen, die St. Gallen für sich reklamieren könnte – erst recht, wenn man nicht zum Zuge käme bei den erwähnten ETH-Auslagerungen.

ETH «kein Gugelhopf»

Die Idee, Dübendorf einige Empa-Stücke abzuluchsen, hörte man an der Podiumsveranstaltung «ETH-Standort Wil-Münchwilen – mehr als eine Vision?» zum ersten Mal: Der St. Galler FDP-Präsident und Kantonsrat Marc Mächler brachte sie ins Spiel. Weil er, als Politiker realistischeren Lösungen zugeneigt, wenig Chancen sieht für ETH-Ausbildungsplätze in Wil.

Die Erwartungen der trotz Hitze und Fussball erschienenen 80 Zuhörer gedämpft hatte Fritz Schiesser, Präsident des ETH-Rats. Der ehemalige Glarner FDP-Ständerat erklärte das ETH-Gebilde mit Schwerpunkten Zürich und Lausanne sowie Aussenstellen und bemühte sich, die Ostschweizer Hoffnungen auf zusätzliche Anteile am Kuchen nicht zu begraben. Doch sei die ETH «kein Gugelhopf», aus dem sich einfach Stücke schneiden liessen. Auch wenn einzelne Abteilungen versetzt werden könnten, dürfe ein neuer Standort nicht künstlich aufgepfropft und isoliert sein. Dass selbst Basel Schwierigkeiten hatte, seine ETH-Departemente (Architektur, Biosysteme) sinnvoll zu verbinden, nannte Schiesser als Argument für einen Campus auf engem Raum. Die Konzentration im Grossraum Zürich entspreche weltweiten Spitzenuniversitäten wie Stanford oder Berkeley. Schliesslich klärte Schiesser ein Missverständnis: Die ETHZ suche keinen neuen Standort für Departemente, sondern lagere aus feuerpolizeilichen Gründen Versuchsanlagen mit geringem Platzbedarf nach Dübendorf aus. «Das wäre nicht, was man sich von einem ETH-Standort Wil verspräche, da hat dieses Areal wesentlich mehr zu bieten.»

Unis haben Magnetwirkung

Mit der von Schiesser hervorgehobenen ETH-«Filiale» Empa und ihren 240 Arbeitsplätzen in St. Gallen wollten sich Kurt Weigelt, Direktor der Industrie- und Handelskammer St. Gallen-Appenzell, und Kaspar Schläpfer, Thurgauer Volkswirtschaftsdirektor, nicht abspeisen lassen. Weigelt, der die Idee eines ETH-Standorts Wil lancierte, fordert dezentrale Strukturen gegen den Dichtestress infolge der «asymmetrischen Entwicklung». Er verwies seinerseits auf Stanford, um Wil als Ausweichstelle des überfüllten Raums Zürich zu skizzieren – so wie die kalifornische Uni ausserhalb von San Francisco entstanden sei. «Niemand kam auf die Idee, einen Campus am Fisherman's Wharf zu errichten.» Weil Universitäten grosse Magnetwirkung entfalteten, etwa für Start-ups, geschehe die wirtschaftliche Entwicklung stets um Ausbildungs- und Forschungsstätten. «Die Ostschweiz als Industriestandort darf die jungen Leute nicht verlieren», so Weigelt. Regierungsrat Schläpfer unterstrich die geringe Distanz Wil-Zürich und wunderte sich angesichts der Westschweizer ETH-Anbindungen mit Genf, Fribourg und Sitten, dass «Lausanne offenbar eine andere Strategie hat». Für ihn wäre eine ETH Wil «das höchste aller Gefühle».

Auf Empa und Park setzen

So verlockend die Idee, so unrealistisch die tatsächlichen Aussichten, wie Marc Mächler darlegte. Statt sich zu verzetteln, solle man sich auf den Innovationspark um die Empa konzentrieren. Aus der gescheiterten «ungeschickten Vorlage» gelte es für den zweiten Anlauf «die richtigen Schlüsse» zu ziehen. In die gleiche Kerbe schlug die Thurgauer CVP-Ständerätin Brigitte Häberli, die aufgrund ihrer Dossiereinsichten in Bern eine zweite Eingabe für den Park empfahl. 2016 gebe es die nächste Chance für einen Ostschweizer Netzwerkstandort bei der Stiftung Swiss Innovation Park.

Wie schwierig es ist, an einem Strang zu ziehen, belegten Voten aus dem Publikum. Ein Vater zweier ETH-Studenten forderte mehr naturwissenschaftliches Engagement der Schulen und Industriepraktikumsplätze, und ein Unternehmer zweifelte am «Luftschloss, das Steuergelder verschlingt» und betonte den Wert der Fachhochschulen. Derweil der Thurgau laut Schläpfer «auf eigene Faust» sein Ernährungszentrum vorwärts treibt, ist der Münchwiler Gemeindepräsident Guido Grütter vom Gedeihen des Innovationsstandorts Wil West überzeugt: «Ein Silicon-Valley-Geist muss wachsen, da brauchts mehr als eine Kopie der ETH Zürich mit ein paar Arbeitsplätzen.» Es wird nicht die letzte Diskussion zum Thema gewesen sein – gern bei kühleren Temperaturen.