Sie trotzt ihren Skeptikern

AADORF. Die Veranstalter der Aadorfer Pfarreireise nach Rom hatten wenig Zuversicht, dass Klärli Etter den Strapazen der Weltstadt gewachsen sein wird. Doch die 88-Jährige zeigte allen, dass mit ihr immer noch zu rechnen ist.

Kurt Lichtensteiger
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Zurück aus Rom, kümmert sich Klärli Etter wieder um ihren Garten in Aadorf. (Bild: Kurt Lichtensteiger)

Zurück aus Rom, kümmert sich Klärli Etter wieder um ihren Garten in Aadorf. (Bild: Kurt Lichtensteiger)

AADORF. Als die Katholische Kirchgemeinde von Aadorf die Pfarreireise nach Rom plante, stellte sich die Frage, wer sowohl den Reisestrapazen als auch den körperlichen Anforderungen mit den vielen Besichtigungen in der Ewigen Stadt gewachsen sein würde. Ein diesbezügliches Fragezeichen wurde hinter die Anmeldung von Klärli Etter gesetzt, liess ihr Alter von 88 Jahren doch einige Zweifel über deren körperliche Fitness aufkommen. Wie jedoch die Hochbetagte die 36 Reiseteilnehmer darauf Lügen strafte und sich nicht als Hemmschuh entpuppte, war dann schon verblüffend.

Bis zur Kuppel des Petersdoms

Mehr als das. Das «Klärli» – der Diminutiv für die nur 1,50 Meter kleine Frau, Tendenz abnehmend – ist mehr als nur zutreffend. Die Körpergrösse ist das eine, die Zähigkeit und der Durchhaltewillen aber das andere. In dieser Beziehung machte sie vielen Reisegenossen noch etwas vor, wenn es etwa hiess, Treppen steigen oder längere Strecken zu Fuss zurückzulegen. Kein Campanile und keine Kuppel empor zu gehen war ihr zuwider, geschweige denn, sich durch den Touristenstrom zu pflügen. «Die Frau ist phänomenal. Massiv Jüngere sind an ihre Grenzen gekommen, sie nicht. Wieselflink ist sie zur Kuppel des Petersdoms hinaufgestiegen. Ich nehme sie auf jede weitere Reise mit», sagt im Rückblick Reisemarschall Daniel Bachmann, Pfarrer in Aadorf.

Seit dem Tod ihres Mannes Otto vor zehn Jahren ist Klärli Etter alleinstehend und bewältigt den Alltag noch immer ohne Hilfe. Das grosse Einfamilienhaus, erbaut anno 1972, mit reichlich Umschwung zu unterhalten, ist beileibe kein Pappenstiel. «Aussen fix und innen fix», könnte man sagen. Der Garten ist stets gepflegt und mit reichlich Blumen bestückt. Da bleibt nach einem Windstoss fast kein Blättchen liegen, wo es nicht hingehört.

Sie wollte nicht in die Zeitung

Und im Innern, wo alles seinen Platz hat, herrscht dieselbe Akkuratesse mit Ordnung und Reinlichkeit. Der Nachbarschaft nicht unverborgen. Man sieht sich nicht nur häufig, sondern tauscht sich auch aus. Wo immer sich die quirlige, zierliche Person aufhält, dank ihres offenen Wesens ist sie immer für einen Schwatz zu haben, erstaunt dabei mit geistiger Frische, lacht häufig und lässt ihrer Lebensfreude freien Lauf. So extravertiert sie auch ist, in die Zeitung will sie dann allerdings erst nach einigen Überredungskünsten kommen. Es ist schon ein grosses Glück, in diesem Umfeld und in dieser geistigen und körperlichen Verfassung alt zu werden. Steht etwa ein Geheimnis dahinter oder ist das Glück irgendwie gar gezwungen worden? Mitnichten. Primär sind es wohl die Gene, die ihr in die Wiege gelegt worden sind.

Jahrzehnte im Kirchenchor

Dazu gesellen sich weitere günstige Faktoren: eine positive Lebenshaltung, das jahrzehntelange Singen im Kirchenchor und viel Bewegung, so mit Wanderungen im Kreise einer Wandergruppe und vor allem mit häufiger Gartenarbeit. Auto fährt sie seit drei Jahren nicht mehr, dafür aber weiterhin mit dem Velo. Auch das Ski-Langlaufen hat sie aufgegeben, sie, die einst den Engadiner Skimarathon bewältigt hat. Auf das Rasenmähen will sie hingegen nach wie vor nicht verzichten. Und natürlich auch nicht auf das Reisen, eine ihrer Leidenschaften. Erst kürzlich verbrachte sie mit ihrer Tochter Susanne zwei Wochen Ferien auf Mallorca. «Ich danke jeden Tag Gott, dass ich gesund aufstehen kann», sagt die Frohnatur mit grosser Dankbarkeit.