Sie strickt und strickt und strickt

AADORF. Lina Hediger arbeitet täglich fünf Stunden für ein rumänisches Kinderheim. Doch nun behindert sie ein Schnappfinger in ihrem Engagement. Ans Aufhören denkt die bald 98-Jährige deswegen aber noch lange nicht.

Kurt Lichtensteiger
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Lina Hediger strickt im Aadorfer Aaheim für ein rumänisches Hilfswerk. (Bild: Kurt Lichtensteiger)

Lina Hediger strickt im Aadorfer Aaheim für ein rumänisches Hilfswerk. (Bild: Kurt Lichtensteiger)

Wie gewohnt hat es sich Lina Hediger im Aadorfer Aaheim schon am Vormittag in ihrem Polsterstuhl gemütlich gemacht. Behende bewegen sich die beiden Stricknadeln, nehmen Masche um Masche auf, bis eine Reihe fertig ist und dasselbe Prozedere wieder von vorne beginnen kann. Das tut sie schon seit gut 25 Jahren, animiert von der Mutter ihres Schwiegersohnes. Nicht etwa für die Enkel und Urenkel, sondern für ein Hilfswerk, das ein rumänisches Kinderheim unterstützt.

«Ich lisme alles, Pullover, Socken, Jäckli und Decken, schon Hunderte an der Zahl, je nachdem, was für Wolle ich zur Verfügung habe. Diese erhalte ich von manchen Frauen, die von meiner Lieblingsbeschäftigung Kenntnis haben. Die Endprodukte werden dann von meiner Tochter nach Gossau gebracht und von dort nach Osteuropa transportiert», sagt die äusserst zufrieden scheinende Lina Hediger mit ihren bald 98 Lebensjahren.

Das kann sie auch sein, denn äusserlich gäbe man ihr das Alter nie, zumal sie auch geistig noch sehr rege ist. «Ich gehöre wirklich zu den Glücklichen, auch wenn die Beine nicht mehr so wollen wie einst, die Sehkraft etwas nachgelassen hat und ein Finger beim Lismen zu streiken beginnt. Er spinnt seit zwei Monaten, wie gerade jetzt, so dass ich dann eine Pause einlegen muss», fügt sie bei und stösst den nebenstehenden Rollator etwas beiseite.

Bewegtes Leben

Lina Hediger-Berner ist im Jahre 1916 als sogenanntes Kriegskind im aargauischen Rupperswil in einer Bauernfamilie aufgewachsen. Die entbehrungsreiche Zeit des Ersten Weltkrieges hat sie aber kaum mitbekommen. Mit 16 Jahren wurde sie jedoch Vollwaise. Während der Bruder beim Götti unterkam, verbrachte Lina einen Aufenthalt im Welschland. Dann durfte sie zurück zu einer Tante in Rupperswil, wo sich die beiden Geschwister wieder ganz nahe waren. Mit 21 Jahren heiratete sie.

Ihr Mann, ebenfalls ein Rupperswiler, fand eine Stelle als Werkmeister im grenznahen italienischen Luino, wo sie während zehn Jahren gewohnt hatten. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges schränkte indessen die Bewegungsfreiheit aufs ärgerlichste ein. Die Familie mit Sohn Rolf und Tochter Doris – heute ebenfalls pensioniert – sah jedoch ihre Zukunft in der Schweiz, zumal Willi Hediger im Jahre 1947 wiederum eine Stelle als Werkmeister gefunden hatte, diesmal in der Elgger Firma Kundt. Wohnort war allerdings Aadorf, vorerst an der Wittenwilerstrasse, dann im Eigenheim an der Feldstrasse und darauf in einer Eigentumswohnung an der Moosstrasse.

Daheim im Aaheim

Die «Golden Agerin» – so kann man sie wohl nennen – kann sich zu den privilegierten Betagten zählen, auch wenn ihr vor zwei Jahren der Umzug in das kleine Zimmer im Aaheim nicht leicht- gefallen war. Der Tag sei ausgefüllt mit Stricken, Lesen, Fernsehen, Jassen und sozialen Kontakten. «Man muss einfach das machen, was man noch kann», sagt sie. Deshalb stehe sie regelmässig schon morgens um sieben Uhr auf und gehe abends um zehn ins Bett.

Sie freut sich an den kleinen Dingen wie etwa der Aussicht vom vierten Stock und natürlich über die Besuche ihrer Kinder, Enkel, Urenkel und Bekannten. Ein Geheimnis für das lange Leben kennt sie nicht: Viel Gartenarbeit, viel Gemüse aus dem eigenen Garten essen, mässig Fleisch konsumieren und kleine Wanderungen unternehmen – heute tun es täglich noch einige Schritte – nennt sie als Lebenselixiere.

Und was ist mit einem Gläschen Rotwein? «Nein, Wein habe ich nie getrunken, was mein vor elf Jahren verstorbener Mann gar nicht verstanden hat.»