Sie gehen mit einem Lächeln

Die Lehrer Beni Schneggenburger aus Sirnach und Kuno Brülisauer aus Busswil gehen nach 43 beziehungsweise 36 Jahren in Pension. Sie erzählen, wie man im Beruf nicht verblödet und von ihren neuen Freiheiten.

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79 Jahre Lehrerdasein in der Gemeinde Sirnach: Beni Schneggenburger und Kuno Brülisauer geben noch eine Woche Schule. (Bild: Reto Martin)

79 Jahre Lehrerdasein in der Gemeinde Sirnach: Beni Schneggenburger und Kuno Brülisauer geben noch eine Woche Schule. (Bild: Reto Martin)

Beni Schneggenburger, Sie wurden bei der 100-Jahr-Jubiläumsveranstaltung für das Schulhaus Breite «Mister Breite» genannt. Ein schöner Titel?

Beni Schneggenburger: Ja, es hat mich gefreut, als «Mister Breite» betitelt zu werden. Die «Breite» ist ja gewissermassen «mein» Schulhaus. Seit 42 Jahren bin ich im gleichen Schulzimmer. Im ersten Jahr gab ich in einem halben Luftschutzkeller Unterricht. Die Stahltüre war so stark, dass man kein Klopfen gehört hat.

Und wie war das bei Ihnen, Kuno Brülisauer?

Kuno Brülisauer: Als in Busswil 1993 neu gebaut wurde, habe ich quasi mein eigenes Schulhaus bekommen, da ich der älteste Lehrer war. Dort gab es ein Schulzimmer und zwei Werkzimmer.

Was hat Sie am Lehrerberuf fasziniert, als Sie, Beni Schneggenburger, vor 43 Jahren in Sirnach begannen, und Sie, Kuno Brülisauer, ebenfalls vor 43 Jahren und dann 36 Jahre an der Schule in Busswil unterrichteten?

Brülisauer: Als wir den Beruf erlernt haben, waren wir von A bis Z für die Klasse verantwortlich, man hatte die alleinige Verantwortung. Das hat sich markant verändert. Schneggenburger: Man hat früher diese Verantwortung auch wahrgenommen. Die Eltern und Behörden haben unsere Kompetenz und Ausbildung anerkannt.

Eine Veränderung in all den Jahren war ja auch, dass immer mehr Schüler mit einem Migrationshintergrund in die Schule kamen? War das schwierig für Sie?

Brülisauer: Für mich nicht. In Busswil war das der Normalfall. Wir hatten immer Gastarbeiterfamilien hier, vor allem von der Klinik Littenheid. Weil es der Normalfall war, hatten wir nie Probleme. Die Kinder von Gastarbeitern sind von unseren Kindern offen aufgenommen worden.

Schneggenburger: In Sirnach war es eine andere Situation. Zu Beginn gab es nur wenige fremdsprachige Schüler. Wenn die Kinder vom Kindergarten her kamen, gab es weniger Probleme. Es wurde für sie auch Deutschunterricht eingeführt, vor allem wenn die Eltern zu Hause immer noch die Muttersprache benutzten und auch nach 10 oder 15 Jahren erst gebrochen Deutsch sprachen. Zum Teil sind bei uns ein Drittel der Schülerinnen und Schüler pro Jahrgang fremdsprachig.

Brülisauer: Bei uns ist die Situation ganz anders. Als die vielen neuen Einfamilienhäuser gebaut wurden, bekamen wir eine ganz andere Klientel, die aber nicht minder schwierig ist. (lacht)

Wie hat sich denn für Sie der Umgang mit den Eltern verändert?

Brülisauer: Im Gegensatz zu früher haben die Eltern viel höhere Ansprüche.

Schneggenburger: Das ist richtig, aber man kennt mich. Wenn ich etwas sage, dann gilt es. Ein bisschen Autorität gehört dazu. Brülisauer: Das ist der Vorteil von uns alten Füchsen. Die Eltern respektieren und vertrauen uns.

Haben nicht junge Lehrer einen Vorteil, weil Sie vom Alter her näher bei den Schülern sind?

Brülisauer: Gegenüber den Eltern haben die jungen Lehrer einen schwereren Stand. Vom Alter her sind sie den Kindern aber tatsächlich etwas näher. Das kann für sie aber auch ein Nachteil sein. Wenn sie zu nah bei den Kindern sind, werden sie verheizt.

Schneggenburger: Viele Junge sehen das Unterrichten als Job. Für mich war das damals mehr.

Was hat sich in Ihrer Zeit als Lehrer am meisten verändert?

Schneggenburger: Wir mussten uns gegenüber Neuerungen öffnen, diesen aber auch mit Gelassenheit gegenüberstehen.

Brülisauer: Richtig. Man soll nie jedem Floh nachhüpfen. Das lernt mit der Erfahrung. Verändert haben sich vor allem die neuen Lernformen. Die brachten Abwechslung in den Unterricht. Heute wird aber vieles als neu bezeichnet, das wir schon lange hatten, wie eine Werkstatt. Bei uns hiess das einfach noch «Posteärbetli».

Einzug in den Klassenzimmern gehalten haben ja auch die elektronischen Medien.

Schneggenburger: Mir war es etwas aufgestossen, dass wir mit Computern hätten arbeiten müssen, im Stundenplan aber kein Gefäss dazu hatten.

Brülisauer: Uns wurden vier Computer ins Schulzimmer gestellt. Damit kann man nicht mit einer Klasse arbeiten. Trotzdem gab es Vorgaben, was die Schüler am Ende der 6. Klasse können müssen. Ich habe dann alle 14 Tage zwei Stunden eingesetzt, um an den Computern zu arbeiten. Ich habe mit den Schülern Excel und Powerpoint gelernt.

Und wie war es bei den Fremdsprachen? War es schwierig für Sie, als sie auch noch Französisch und Englisch unterrichten mussten?

Brülisauer: In Französisch hatten wir eine Weiterbildung zur Auffrischung. Das war keine Sache.

Schneggenburger: Englisch war bei uns im Semi nur ein Freifach. Darum gibt es heute dafür so viele Fachlehrkräfte.

Was war ihr schönstes Erlebnis während all der Jahre als Lehrer?

Brülisauer: Ein schönstes Erlebnis gibt es nicht, sondern sehr viele. Wenn man zum Beispiel im Lager den Zusammenhalt in der Klasse spürt.

Schneggenburger: Oder wenn eine Schulreise tiptop klappt.

Brülisauer: Ich habe einmal mit einer Klasse ein Weihnachtsspiel aufgeführt und bin unten am Klavier gesessen. Die Schüler sind immer zur richtigen Zeit reingekommen und haben keinen Seich gemacht. Wenn die Schüler so verantwortungsbewusst sind, dann merkt man, jetzt habe ich wirklich etwas erreicht.

Und welches war das Schlimmste?

Brülisauer: Schlimme Erlebnisse gab es selten. Belastend waren aber Entscheide, ob ein Kind in die Sek oder die Real kommt.

Schneggenburger: Vor allem im Alter ist das noch belastender. Wir haben je länger, je mehr stärker abgewogen. Da kommt so etwas wie eine Vaterfigur durch.

Brülisauer: Das sind so die täglichen Sörgeli. Aber ich betrachte es als Geschenk, dass nie etwas Grosses passiert ist.

Schneggenburger: Bei mir auch nicht. Obwohl, zu Beginn kam im Turnen ein Junge zu mir und sein Arm hing komisch herunter. Ich habe alle Schüler zusammengerufen und ihnen gezeigt, wie man den Arm mit einem Brett fixiert, und bin dann mit ihm zum Arzt.

Wie ist es für Sie, nun Abschied vom Lehrerberuf zu nehmen?

Schneggenburger: Ich gehe mit zwei lachenden Augen.

Brülisauer: Ja, ich auch. Ich hatte ein gutes Berufsleben. Ich gehe zufrieden in die Pension und bin dankbar, dass ich an diesem schönen Ort Schule geben konnte.

Schneggenburger: Ich habe das Gefühl, dass ich in Sirnach zu Hause bin. Ich habe eine Beziehung zum Dorf, denn ich war auch 16 Jahre lang Kommandant bei der Feuerwehr. Es ist wichtig, dass man auch über den Beruf hinaus tätig ist. Viele sind in der Schulstube gefangen.

Brülisauer: Es ist vor allem auch wichtig, es mal mit Erwachsenen zu tun zu haben. Sonst verblödet man noch.

Schneggenburger: Ich freue mich, nicht mehr alles planen zu müssen. Und auf die Freiheit.

Brülisauer: Auch auf die Entlastung von der Verantwortung. Es ist nicht selbstverständlich, dass man in diesem Beruf so zufrieden gehen kann.

Interview: Larissa Flammer

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