Sexualkunde: Viele Gerüchte, wenig Wissen

KREUZLINGEN. Die neue Rektorin der PH Thurgau erkennt in der aktuellen Debatte über die Sexualpädagogik ein Informationsdefizit in der Bevölkerung. Und Bildungsdirektorin Monika Knill ist der Ansicht, dass sich die Menschen zu sehr auf das stützen würden, was sie irgendwo gehört hätten.

Marina Winder
Drucken

Am Jugendforum Thurgau diskutierten die jungen Teilnehmerinnen und Teilnehmer engagiert das Thema Sexualkunde in der Schule. Die Meinungen gingen – wie sie es im ganzen Kanton tun – weit auseinander.

Die neue Rektorin der Pädagogischen Hochschule Thurgau kann dieser öffentlichen Debatte auch etwas Positives abringen. «Es ist gut, dass sich so viele Menschen mit dem Thema auseinandersetzen. Es soll schliesslich auch einen gesellschaftlichen Konsens geben», sagt Priska Sieber. Sie ist allerdings auch klar der Meinung, dass die Umsetzung letztlich den Fachpersonen überlassen werden sollte. Die SVP habe das Grundlagenpapier «Sexualpädagogik und Schule», das an der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz in Luzern erarbeitet wurde, auseinandergenommen, um das Thema in der Öffentlichkeit behandeln zu können. Viele, die nun mitdiskutieren, hätten das Papier aber gar nicht gelesen. «Dass Sexualpädagogik bereits im Kindergarten eingeführt werden soll, steht beispielsweise nirgends in diesem Papier.» Kanton und Schulen könnten allerdings mit einer transparenteren Kommunikation zum Gehalt der Diskussion und auch zur Beruhigung der Gemüter beitragen, sagt Priska Sieber.

Bildungsdirektorin Monika Knill hat zu diesem Thema schon viele Briefe von verunsicherten Thurgauern erhalten und auch beantwortet. Sie verteidigt den Status quo. «Bei uns war der Sexualkundeunterricht schon immer alters- und stufengerecht. Wir kämen nie auf die Idee, im Kindergarten Aufklärung zu betreiben», sagt Knill und nimmt damit Stellung zu kursierenden Gerüchten, wonach die Sexualpädagogik bald bereits im Kindergarten eingeführt werden soll. «Das muss altersgerecht passieren. Wenn ich aber sehe, dass Mädchen früher reif werden, kann das vielleicht schon in der Mittelstufe ein Thema sein, statt erst in der Oberstufe.» Knill will auch kein eigenes Fach für Sexualkunde einführen. «Das soll wie gehabt im Sachkundeunterricht stattfinden.» Es gebe keinen Anlass, an der langjährigen Praxis etwas zu ändern, sagt Knill. Damit bezieht sie sich auf Befürchtungen, der Inhalt des Grundlagenpapiers für «Sexualpädagogik und Schule» würde stillschweigend in den Lehrplan 21 aufgenommen. Dieser Diskussion, die hauptsächlich von Exponenten ihrer Partei geschürt wurde, kann sie dennoch etwas Gutes abgewinnen: «Die Bildungsverantwortlichen wurden dadurch sensibilisiert, dass wirklich nichts über die Köpfe der Bildungsdirektoren hinweg verändert wird. Die Hoheit über die Lehrpläne liegt klar bei den Kantonen.»

Ein Informationsdefizit kann sie nicht erkennen. «Ich habe eher den Eindruck, dass sich viele aufgrund von Hörensagen ihre Meinung bilden.» Wenn irgendwo in der Schweiz von einem Fall berichtet werde, sei dieser plötzlich auch im Thurgau relevant. Nur wenige würden aus wirklich eigener Erfahrung berichten.