Seit 90 Jahren für die Zukunft

Im Thurgau wurde 1922 erstmals eine Berufsberatung installiert. Dieses Jubiläum wurde an der Berufsmesse Weinfelden mit einer Festschrift gefeiert. In den letzten 90 Jahren haben sich primär die Umstände der Berufswahl verändert.

Mathias Frei
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Berufsberatung 2012: Die Berufsberaterin und Psychologin Sigrid Weber Böhni macht sich in Frauenfeld während eines Gesprächs mit einer jungen Frau Notizen. (Bild: Stefan Beusch)

Berufsberatung 2012: Die Berufsberaterin und Psychologin Sigrid Weber Böhni macht sich in Frauenfeld während eines Gesprächs mit einer jungen Frau Notizen. (Bild: Stefan Beusch)

FRAUENFELD. «Die beste Berufsberatung ist jene, die es nicht braucht», meint Ueli Berger, Chef des kantonalen Amts für Berufsbildung und Berufsberatung. Er sagt dies im Wissen, dass Berufsberatung aufgrund der Durchlässigkeit des heutigen Bildungssystems immer wichtiger wird. «Wir arbeiten für die Zukunft. Wenn wir helfen konnten, ist vieles auf dem richtigen Weg. Das nützt sowohl der Wirtschaft als auch der Gesellschaft und jedem einzelnen, der Erfüllung findet in seiner Berufswahl.»

Durchlässiges Bildungssystem

Früher habe man einmal eingespurt und dann 40 Jahre lang auf dem Beruf gearbeitet, so Berger. Das heutige Bildungssystem sei mit seinen Möglichkeiten konsumentenfreundlicher, gleichsam aber auch komplizierter. Und René Bommeli, Leiter der Berufs- und Studienberatung, hakt ein: «Heutzutage kann sich ein Polymechaniker innert 20 Jahren zum Chirurgen ausbilden lassen.»

Vor 90 Jahren – 1922 – wurde in Weinfelden die «thurgauische Zentralstelle für männliche Berufsberatung» gegründet. In Frauenfeld entstand zeitgleich das Pendant für junge Frauen. Zur Eröffnung der zweiten Thurgauer Berufsmesse vorgestern erschien eine kleine Festschrift zu diesem Jubiläum.

Eigentlich sei der Entwicklungsprozess in der Berufswahl immer noch der gleiche, sagt René Bommeli. Er zeigt einen schablonenartigen Ablauf aus den 1960er-Jahren. «Heute ist einfach alles farbig illustriert.» Verändert haben sich in der Berufsberatung die Rahmenbedingungen.

Ein Beruf ein Leben lang

Amtschef Berger erinnert sich an die eigene Berufswahl als Schulabgänger 1966. Die Firmen hätten mit «Zückerli» gelockt. Etwa mit einem Töffli und Benzin für die ganze Lehre. Ein Schulkamerad habe nichts lernen wollen, wollte Mäuse fangen auf den Feldern. Das habe dem Gemeindepräsidenten nicht gepasst und er habe ihn in der Dorfmetzgerei untergebracht. Der sei heute Grossmetzger mit 180 Angestellten.

Noch bis in die 1970er-Jahre musste man in der Berufsberatung Minipumpen zusammenbauen, wollte man in die Maschinenindustrie, für die Zimmermannslehre mass man die Kraft des Handdrucks, Metallbauer durften der Korrosion wegen nicht zu viel Handschweiss gemessen bekommen. Heute würde die Eignung in Gesprächen eruiert, die Schulabgänger würden Schnupperlehren besuchen, erklärt René Bommeli.

50-Jährige in der Beratung

Heutzutage fragen auch 50-Jährige nach Weiterbildungen in der Berufs- und Studienberatung nach. Bommeli spricht in diesem Zusammenhang von der globalisierten, sich in ständiger Bewegung befindlichen Wissensgesellschaft. Der einzige Fehler, den man heute machen könne, sei, eine Lehre oder Schule abzubrechen und danach nichts Neues anzufangen.

Eine wichtige Neuerung in der Geschichte der Thurgauer Berufsberatung war 1975 die Vereinigung der Beratungsstellen für junge Frauen und für junge Männer. Die Berufsberatung sei lange ein Kind ihrer Zeit gewesen, die Rollenbilder entsprechend. «Mittlerweile sind wir auf dem Weg zu neuen, modernen Rollenbildern, aber noch lange nicht am Ziel»,