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SEEFAHRT: Bei Nebel, Wind und Wetter: Wie zwei Kapitäne an Bord der MS Thurgau ausgebildet werden

Matthias Enzler und Dominik Wattinger absolvieren die Ausbildung zum Kapitän auf dem Bodensee. Der Beruf ist anspruchsvoll, wie ein Besuch an Bord des MS Thurgau zeigt. Ein Schiffsführer muss belastbar sein und technisches Verständnis haben.
Sebastian Keller
Matthias Enzler und Dominik Wattinger im Steuerhaus des MS Thurgau. (Bilder: Andrea Stalder)

Matthias Enzler und Dominik Wattinger im Steuerhaus des MS Thurgau. (Bilder: Andrea Stalder)

Sebastian Keller

sebastian.keller@thurgauerzeitung.ch

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier:<strong><em>www.tagblatt.ch/epaper</em></strong>

Der Nebel verwandelt den Bodensee in ein Meer. Wie ein Vorhang hängt er vor dem Hafen Romanshorn. Das deutsche Ufer ist nicht in Sicht – es lässt sich nur erahnen, ebenso die Weite des Sees. Weisse Schwäne schwimmen auf dem Wasser, Möwen landen auf Holzpfählen, die aus dem Wasser ragen. Regen nieselt an diesem Aprilmorgen auf das MS Thurgau, Baujahr 1932. Auf diesem Schiff der Schweizerischen Bodensee-Schifffahrtsgesellschaft AG (SBS AG) lernen Matthias Enzler und Dominik Wattinger das Führen eines Schiffes. Sie absolvieren die Ausbildung zum Kapitän. Die theoretische Prüfung haben sie bestanden; nun dürfen sie ans Ruder.

«Verbotener Aufgang», mahnt ein Schild an der obersten Treppe des Schiffes. Sie ist so steil wie eine angelehnte Leiter. Oben angekommen, wähnt man sich auf einem Hausdach. Über einen Holzrost gelangt man zur Kommandobrücke.

Zwei Ruder für das exakte Navigieren

Der 30-jährige Matthias Enzler steht am Aussennock, von hier aus soll er die «Thurgau» aus dem Hafen steuern. Ein Aussennock befindet sich auf der Steuerbord- und Backbord-Seite. Die Nocks erlauben es, das Schiff auch ausserhalb des Steuerhauses zu navigieren. Rückspiegel hat es keine. Über ihre Mützen haben sie einen durchsichtigen Regenschutz gezogen. Beide tragen blaue Regenjacken. Wattinger hat zudem Regenhosen übergezogen. «Schifffahrt findet draussen statt», sagt er.

Oberkapitän Erich Hefti bildet die beiden angehenden Kapitäne aus. (Bild: Andrea Stalder)

Oberkapitän Erich Hefti bildet die beiden angehenden Kapitäne aus. (Bild: Andrea Stalder)

Oberkapitän Erich Hefti, Krawatte und vier dicke Streifen auf den Schulter­patten, bildet die beiden aus. Der Leiter Nautik&Werft der SBS arbeitet seit 1981 in der Schifffahrt auf dem Bodensee. Er weist in Richtung Friedrichshafen. «Die ‹Romanshorn› fährt ein», sagt er, «schwer beladen.» Nur langsam erblickt das ungeschulte Auge die SBS-Fähre, die den Nebelvorhang durchbricht. Einige Minuten später zeigt sich, dass mehrere Lastwagen voller Kies auf der «Romanshorn» stehen. Nun ist der Weg frei für die «MS Thurgau». Enzler fährt sie rückwärts vom Aussennock durch die Hafeneinfahrt. Wechselt ins Steuerhaus. In diesem finden sich Feldstecher, Radargerät, Uhren, Kompass. Er legt seine Hände an das elektrisch-hydraulische Ruder, dieses sieht aus wie das Steuerrad eines Oldtimers. Er fährt in Richtung SBS-Werft. Das hölzerne Handruder, das mancher Seemann als Tätowierung unter der Haut trägt, betätigt er kaum. Dieses kommt auf offener See zum Einsatz, wenn es gilt, Kurs zu halten. Für ­exaktes Navigieren würde es zu viel Umdrehungen benötigen. Vor der Werfteinfahrt tritt er aus dem Steuerhaus ans Backbord-Nock. Wind bläst ihm ins Gesicht. Hefti sagt: «Du musst etwas Drall erzeugen.» Enzler bewegt die Hebel nach oben, dann nach unten, bis er den richtigen Anfahrtswinkel hat und das Schiff fast an die Hafenpfähle prallt. Hefti erklärt: «Das Schiff hat zwei Schrauben und ein Ruder.» Damit müsse der Kapitän auskommen. Gelinge die Landung nicht, müsse er auch mal einen neuen Anlauf nehmen. Schifffahren braucht Übung, Erfahrung, eine gute Beobachtungsgabe und eine ruhige Hand.

Auf beiden Seiten des Schiffes befindet sich ein Aussennock. (Bild: Andrea Stalder)

Auf beiden Seiten des Schiffes befindet sich ein Aussennock. (Bild: Andrea Stalder)

Als nächste Übung soll Enzler möglichst nahe an einen frei stehenden Eisenpfahl fahren. Eine Möve flüchtet vor dem nahenden Schiff. Oberkapitän Hefti sagt: «Der Wind ist gegen uns.» Im Idealfall arbeite ein Kapitän mit dem Wind, nutze ihn zu seinen Gunsten. Wind und Wetter und Wasserpegel: Das sind drei unstete Konstante, mit denen sich die Seeleute beschäftigen müssen. Schifffahrt findet draussen statt.

Im Winter arbeiten die Seeleute in der Werft

Die drei Seeleute haben im Innern des Mitteldecks Platz genommen. Holzverkleidete Wände, gemütlich wie in einer Landbeiz. Hier werden im Kursschiffbetrieb Gäste bewirtet, sie essen Brezel, ein ganzes Menü oder trinken Kaffee. Wattinger wie Enzler haben Seefahrtkarrieren hinter sich, wie sie bei SBS-Kapitänen typisch sind. Begonnen haben sie mit der Ausbildung zum Matrosen, später sind sie über die Funktion des Kassiers zum Maschinisten aufgestiegen und haben diese Funktion einige Jahre ausgeübt. Im Winterhalbjahr, wenn die Kursschifffahrt grösstenteils ruht, arbeiteten sie in der Werft. Schiffe in Schuss halten. Aus diesem Grund stellt die SBS vorwiegend «Personen mit handwerk­licher Ausbildung» ein, wie der Ober­kapitän sagt. So können sie auch über den Winter beschäftig werden. Diese Vielfalt hat Matthias Enzler gereizt. Der gelernte Metallbauschlosser sagt: «Ich hätte mir auf Dauer nicht vorstellen können, jeden Tag an der Werkbank zu stehen.» Ein Stelleninserat der SBS ist ihm ins Auge gesprungen. Dass er die Ausbildung zum Schiffsführer absolvieren würde, war damals noch nicht klar. «Ich habe die Freude und das Interesse mit der Zeit entwickelt.» Er schwärmt vom See und der Umgebung, vom Wasser, «das nie gleich ist». Diese Worte könnten aus einem Tourismusprospekt stammen, doch sie sind der Antrieb einer Leidenschaft. Ist das Steuern eines Schiffes auf der Kommandobrücke ein erhabenes Gefühl? Enzler überlegt. «Nein», sagt er, «erhaben nicht, aber einfach schön.»

Schifffahrt findet draussen statt: Regenschutz für die Mütze. (Bild: Andrea Stalder)

Schifffahrt findet draussen statt: Regenschutz für die Mütze. (Bild: Andrea Stalder)

Hefti sagt: «Nicht jeder Matrose ist zum Schiffsführer geeignet.» Es müsse eine belastbare Person sein, die technisches Verständnis habe. Um dies zu illustrieren, nennt Hefti ein paar Zahlen: Das MS Thurgau wiegt 280 Tonnen, die Stopplänge beträgt etwa drei Schiffslängen, also rund 150 Meter; 500 Menschen finden Platz an Bord. «Es braucht eine gute Beobachtungsgabe, man muss vorausschauen können.» Es gelte, Veränderungen von Wind und Wetter einschätzen zu können. Für das alles brauche es viel Erfahrung, viel Praxis.

Wattinger und Enzler absolvieren zehn Intensivfahrschultage, bevor sie –mit Begleitung eines erfahrenen Kollegen – Kursschiffe navigieren. Nach Lindau, nach Kreuzlingen und Meersburg, überallhin, wo die SBS fährt. Mit Passagieren an Bord, mit dem Druck des Fahrplans im Nacken. Nach 70 Fahrtagen sind sie zur Prüfung zugelassen. Diese findet voraussichtlich im Oktober statt. Bei Nebel, Wind und Wetter. Schifffahrt findet draussen statt.

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