Sechs Jahre Haft für Mafiaboss

Ein 55-Jähriger aus der Region Frauenfeld soll als Kopf einer 'Ndrangheta-Zelle in der Schweiz aktiv gewesen sein. Er wurde nun in Italien wegen Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung verurteilt.

Ida Sandl/Christina Genova
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FRAUENFELD/SINGEN. Als er mit dem Motorrad auf die Fähre nach Genua wollte, schlugen die Carabinieri zu. Sie verhafteten den Mann aus der Schweiz, den sie schon länger im Visier hatten. Er soll ein einflussreicher Mafiaboss sein, der in der Schweiz und in Singen aktiv war.

Nach Auskunft der italienischen Justiz habe der leidenschaftliche Töfffahrer mindestens zwei Jahre in der Region Frauenfeld gelebt. Still und unerkannt. Wer nach ihm fragt, stösst bei den Schweizer Behörden auf eine Mauer des Schweigens. Nicht einmal sein ehemaliger Wohnort wird verraten.

Der 55-Jährige ging den Carabinieri vor gut einem Jahr ins Netz. Inzwischen wurde ihm in Kalabrien der Prozess gemacht wegen Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung. Er sei der Kopf einer 'Ndrangheta-Zelle gewesen. 'Ndrangheta ist der Name der kalabrischen Mafia. Der italienischen Polizei sind 49 Personen bekannt, die zu dieser Zelle gehörten. Der Angeklagte ist zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Im «Crimine», einem grossen Prozess gegen die 'Ndrangheta, sind zusammen mit dem Mafiaboss aus der Region Frauenfeld etwa 90 weitere Männer verurteilt worden. Mehr als 30 wurden freigesprochen. So lange die Urteils-begründung aussteht, will der verantwortliche Staatsanwalt Nicola Gratteri nicht sagen, was dem Mann im Detail vorgeworfen wird.

Singen steuert Deutschland

Die Schweizer Zelle, deren mutmasslicher Boss der Verhaftete war, soll enge Beziehungen zur 'Ndrangheta in Singen gepflegt haben. Bei Streitigkeiten zwischen den beiden Gruppen soll der Verhaftete vermittelt haben. Auf sein Wort hätten die anderen gehört. In einem früheren Interview mit unserer Zeitung sagte der kalabresische Oberstleutnant Carlo Pierone, die Singener Zelle sei sehr mächtig. «Von Singen aus wird die Mafia in Deutschland kontrolliert.»

Falls es sie noch gibt, dürfte diese 'Ndrangheta-Zelle zumindest geschwächt sein. Ein paar Monate vor der Festnahme des Thurgauer Mafioso schlug die Polizei im Raum Singen zu. Es wurden fünf Männer verhaftet. Sie sind zu Strafen zwischen vier Jahren, acht Monaten und sechs Jahren, vier Monaten verurteilt worden, sagt der Konstanzer Staatsanwalt Christoph Hettenbach.

Verdeckt ermittelt

Der Vorwurf lautet ebenfalls Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung. Die Beweise dafür stammen aus verdeckter Ermittlung. Die Konstanzer Polizei hat die Männer im Auftrag der italienischen Behörden zwei Jahre beobachtet. Sie hätten sich in Singen nichts Gesetzeswidriges zuschulden kommen lassen, sagt Hettenbach. «Nichts, was die Bevölkerung mitbekommen hätte.»

Die Familien der Verhafteten würden teilweise noch in Singen leben, sagt Hettenbach. Ob es noch weitere 'Ndrangheta-Mitglieder in der Region gibt, weiss er nicht. «Wir hatten uns auf die fünf konzentriert.»

Der Mächtige aus Kalabrien

Die Singener Zelle sei von einem über 70jährigen Mann aus Kalabrien geleitet worden. Dieser wurde beim «Crimine» zu zehn Jahren Haft verurteilt. Hettenbach sagt: «Dieser Mann war eine Zeitlang wohl der mächtigste Führer der 'Ndrangheta.»