Schutzlos!

Turmspatz

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«Mir frieren die Flügelspitzen ab», sage ich zu Freund Amsel nach unserer x-ten Runde über den Dächern von Steckborn. Er schaut sich um. «Wenn unsere Wachsamkeit nachlässt, passiert noch etwas.» – «Langsam habe ich den Schnabel voll», tschilpe ich missmutig, «es wird schon dunkel und meine Frau Turmspatz wartet mit dem Abendessen.» – «Wir Bürger sind Polizisten ohne Uniform und haben unsere Pflicht zu erfüllen.» – «Noch eine Runde, dann endet mein Pflichtgefühl.»

Durch die kühle Nachtluft folgen wir der Hauptstrasse, dann drehen wir ab zum Bahnhof. «Halt, da ist etwas.» Herr Amsel lässt sich auf einen Ast nieder. Unter uns stehen einige Jugendliche, einer mit Roller. Daneben parkt ein getunter Golf. «Endlich haben wir mal Ruhe», sagt ein Mädchen mit Pelzkragen und dickem Schal, «die Bullerei muss zügeln.» Gelächter. «Und das Städtchen ist ohne Schutz.»

Ein Junge lässt sein Feuerzeug aufleuchten.«Eine gefährliche Zusammenrottung», flüstert Herr Amsel. «Die Polente ist machtlos. Jetzt könnten wir die Banken überfallen, die Läden ausrauben und in den Beizen die Kassen knacken.» – «Kaufst du mir dann etwas Schönes?», fragt ein Mädchen den Rollerfahrer. «Alarm!», quiekt Herr Amsel und will starten. – «Bleib», halte ich ihn zurück. «Habt ihr gesehen, wie die sich mit den schweren Kartonschachteln abgemüht haben?» Der Golffahrer seufzt. «Auf was wartet ihr noch?» Der Rollerfahrer fährt los, die anderen folgen zu Fuss.

Wir flattern hinterher. Als wir bei der Strasse sind, stürmen die Jugendlichen den Polizeiposten.«Hab ich’s doch gewusst», flüstert mein Freund. Wenige Minuten später erscheinen sie wieder und tragen Schachteln aus dem Haus. «Die Jugend von heute», piepst Amsel entrüstet, «ist auch nicht mehr das, was sie einmal war.»

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