SCHULSYSTEM: Die guten Schüler wollen Nachhilfe

Der Markt für Nachhilfe ist rasant gewachsen. Unterdessen nehmen mehr gute Schüler Hilfe in Anspruch, um noch besser zu werden, als überforderte Jugendliche. Oft stecken auch die Eltern dahinter.

Larissa Flammer
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Im Nachilfezentrum ist Charlotte Bertet mit ihren Schülern per Du. Eine andere Atmosphäre als in der Schule sei wichtig. (Bild: Reto Martin)

Im Nachilfezentrum ist Charlotte Bertet mit ihren Schülern per Du. Eine andere Atmosphäre als in der Schule sei wichtig. (Bild: Reto Martin)

Larissa Flammer

larissa.flammer@thurgauerzeitung.ch

Das Impuls Nachhilfezentrum unterhält Standorte in Zürich und in der Ostschweiz, darunter auch in Weinfelden, Frauenfeld, Arbon und Amriswil. Charlotte Bertet ist Nachhilfelehrerin in Weinfelden und Amriswil. Sie erzählt von ihrer Arbeit.

Charlotte Bertet, was für Personen nehmen Nachhilfe in Anspruch?

Der Jüngste, dem ich mal privat geholfen habe, war ein Zweitklässler. Die älteste war etwa Mitte 50. Das war aber eine Ausnahme. Normalerweise habe ich Klienten bis 28 Jahre. Es gibt jeweils zwei Anmeldungsschübe im Jahr. Nach den Sommerferien melden sich Sekschüler an, die die Kantiprüfung machen wollen, nach dem Jahreswechsel Mittelstüfler, die den Übertritt in die Sek schaffen wollen.

Bei Nachhilfe denkt man oft an schlechte Schüler, die nicht mehr mitkommen. Ist dem gar nicht mehr so?

Ich glaube, es ist so, dass Nachhilfe vermehrt salonfähig wird. Das Stigma vom Förderunterricht für Schüler, die zu schlecht sind, wird abgelöst. Viele Eltern haben das Bedürfnis, ihren Kindern möglichst gute Voraussetzungen zu schaffen. Dadurch kippt das Image von Nachhilfe vielleicht etwas ins Positive.

Dann sind es meistens Eltern, die ihre Kinder in den Nachhilfeunterricht schicken, damit sie besser werden?

Eltern stehen sicher oft hinter einer Anmeldung. Gerade bei Primarschülern sind die Eltern das erste Mal auch oft dabei. Eine Mutter hat mich mal angerufen und betont, was ich denn genau mit ihrem Kind anschauen müsse und was es besser können solle. Da muss ich die Schüler jeweils etwas schützen. Ich bin da wie ein Puffer. Die Oberstüfler, die an die Kanti wollen, sind meist selber motiviert und machen sich auch selber Druck. Aber auch dort gibt es Eltern, die dahinter stehen.

Können Sie denn mit Nachhilfeunterricht jeden Schüler, der die Ambitionen hat, an die Kanti bringen?

Ich kann sicher keine Wunder vollbringen. Das sage ich auch jeweils. Ich kann Lücken aufarbeiten und die Psyche aufrichten. Viele Schüler müssen einfach Freude am Lernen bekommen oder etwas angestupst werden. Ein Sekschüler, den ich auf die Kantiprüfung vorbereitet habe, hatte die grössten Selbstzweifel. Er wäre gut genug gewesen, hat sich aber selber gegeisselt. Da merkt man, was für ein grosser Druck wegen einer Kantiprüfung herrscht. Von den Eltern, von der Gesellschaft. Zu meiner Zeit wäre niemand auf die Idee gekommen, mir Nachhilfe für die Kantiprüfung zu geben.

Wie bewerten Sie persönlich diese Entwicklung?

Für mich ist es natürlich toll, so habe ich genug Kundschaft und konnte mir im Studium etwas dazuverdienen. Aber ich frage mich, was das für unser Schulsystem bedeutet. Warum die Förderung nicht von der Schule abgedeckt wird oder abgedeckt werden kann. Ich bemerke grosse Unterschiede, wie gut Schulen ihre Schüler auf Übertritte und Aufnahmeprüfungen vorbereiten. Das macht viel aus.

Wie muss man sich Nachhilfe bei Ihnen vorstellen?

Neue Anmeldungen verschickt das Nachhilfezentrum per Mail an alle. Ich kann die Klienten auswählen und bin mit ihnen per Du. Nachhilfe ist nicht wie Schule, mir ist das wichtig. Ich habe eine andere Beziehung zu den Schülern als ihre Lehrer.

Seit wann machen Sie das?

Seit etwa vier Jahren arbeite ich beim Nachhilfezentrum. Mit diesen Klienten treffe ich mich in den Örtlichkeiten des Zentrums. Davor habe ich privat Nachhilfe angeboten und bin zu den Schülern nach Hause gegangen.

Wie sind Sie dazu gekommen, Nachhilfeunterricht zu er­teilen?

Zuerst über die Familie. Meine Tante hat mich angefragt, ob ich meiner Cousine helfen könne. Später habe ich bei einer Vermittlungsplattform im Internet ein Profil erstellt und so privat Nachhilfe erteilt. Damals war ich im Semi in Kreuzlingen und habe daneben Schule gegeben. Durch meinen Partner bin ich dann vor etwa vier Jahren zum Impuls Nachhilfezentrum gekommen.

In welchen Fächern wird denn hauptsächlich Nachhilfe benötigt?

Vor allem in den Fächern Mathe und Deutsch.

Nicht Französisch, wie es die aktuelle politische Debatte vermuten lassen würde?

Französisch ist bei der Kantiprüfung-Vorbereitung ein Selbstläufer. Die Schüler müssen vor allem Vokabeln und die Konjugation von Verben auswendig lernen. Spezifische Anfragen für Französisch-Nachhilfe nehme ich nicht an, weil ich finde, dass mein Französisch nicht gut genug ist.

Und was ist das Problem beim Deutsch?

Die Grammatik. Vielen fehlt das Verständnis für die Regeln. Die Schüler lernen die Regel für den Konjunktiv und können diese einigermassen anwenden. Aber wenn man sie fragt, was der Konjunktiv ist, wissen sie das oft nicht. So sind Regeln schwierig anzunehmen, die Schüler sind unbefriedigt.

Sie haben privat bei Schülern zu Hause und im Nachhilfezentrum gearbeitet. Was macht mehr Sinn?

Bei Impuls werden 24 Termine im Voraus vereinbart. Privat bin ich schon gefragt worden, ob ich für die Prüfung in zwei Tagen helfen könne. Das macht wenig Sinn. Wenn ich zu Schülern nach Hause gehe, ist auch die Ablenkung viel grösser. Bei einem Zweitklässler habe ich jedes Mal einen Streit mit den Eltern miterlebt, weil er nicht lernen wollte. Und alle paar Minuten wollte er mir seine Legos zeigen. Da musste ich mir Tricks einfallen lassen, um ihn zu motivieren. Und mit einer Schülerin wurde ich immer von Zwischenrufen der Mutter aus der Küche unterbrochen. Sie rief etwa «Das weisst du doch, das haben wir schon so oft gemacht!», wenn sie eine Aufgabe nicht sofort lösen konnte. Da kann ich im Zentrum ungestörter arbeiten.