Schulbeginn erst um acht

Im Kanton St. Gallen beginnt der Unterricht in zahlreichen Schulen um 7.30 Uhr – oder früher. «Das ist nicht jugendgerecht», sagt Kantonsrat und Lehrer Richard Ammann. Basel-Stadt macht es vor.

Regula Weik
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Kinder und Jugendliche müssen in aller Herrgottsfrühe aus den Federn und auf den Schulweg. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Kinder und Jugendliche müssen in aller Herrgottsfrühe aus den Federn und auf den Schulweg. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

ST. GALLEN. In der Pubertät verwandeln sind Jugendliche in Eulen: Sie gehen abends spät ins Bett und kommen morgens kaum aus den Federn. Grund sei ihr Biorhythmus, besagen wissenschaftliche Studien, und nicht (nur) ihr ausschweifendes Partyleben. Ihr Biorhythmus verschiebe sich nach hinten. «Jugendliche befinden sich in den frühen Morgenstunden im Tiefschlaf, aus dem sie wegen des frühen Schulanfangs regelmässig herausgerissen werden», sagt Richard Ammann. Die Folge davon: «Viele Jugendliche erscheinen müde, unkonzentriert und unmotiviert in der Schule.»

Ammann weiss, wovon er spricht. Er steht seit 32 Jahren als Lehrer in Klassenzimmern – und eigentlich störe ihn dieser «Frühstart» seit Beginn seiner Lehrertätigkeit. Ist er selber ein Morgenmuffel? Er verneint. Er sei morgens fast immer der erste im Schulhaus.

«80 Prozent der Firmen nehmen am Morgen vor acht Uhr kein externes Telefon ab», sagt Ammann. Studenten an Universitäten würden frühestens um acht Uhr Vorlesungen zugemutet – als «passive Zuhörer». Volksschüler dagegen müssten bereits kurz nach sieben Uhr «aktiv» am Unterricht teilnehmen – «das ist paradox».

Dauerhaftes Schlafmanko

Ein regelmässiger Schulstart zwischen 7 und 7.30 Uhr, wie ihn vor allem die Oberstufe kenne, führe zu «systematischem Schlafentzug und dauerhaftem Schlafmanko». Die Folgen tönen dramatisch. Chronische Übermüdung kann laut Ammann zu Interesselosigkeit, Schulverdruss und depressiven Störungen führen. Der Abtwiler BDP-Kantonsrat und Sekundarlehrer richtet sich deshalb an die Regierung. Er will von ihr wissen, ob sie seine Einschätzung der Folgen des frühen Schulbeginns teilt. Und ob sie bereit ist, kantonsweit einen späteren Schulstart zu prüfen. Ammann denkt an Unterrichtsbeginn um acht Uhr.

Wie andere entscheiden

Der St. Galler Politiker steht mit seinem Ansinnen nicht allein – jedenfalls nicht mit Blick auf andere Kantone. Im Kanton Basel-Stadt startet der Unterricht an den Sekundarschulen neu erst um acht Uhr. Schülerinnen und Schüler mehrerer Gymnasien hatten in einer Petition für einen Unterrichtsbeginn um 8.30 Uhr plädiert.

In Zürich war der Schulanfang bereits mehrmals ein Thema. Die SP hat ihn vor einem Jahr erneut auf die politische Agenda gehievt. Die Partei glaubt, damit gleich auch die Kapazitätsengpässe im öffentlichen Verkehr zu entschärfen. Wenn Sekundarschüler, Gymnasiasten und Berufsschüler die Züge später in Beschlag nehmen, bleibe morgens mehr Platz für die Berufspendler. Dem gleichen Ansinnen hatte der Regierungsrat zwei Jahre früher eine klare Abfuhr erteilt. Auch im Kanton Bern war die Idee damals auf Kritik gestossen.

Den Schulbeginn verschieben, um den öffentlichen Verkehr zu entlasten – was hält Ammann von dieser Argumentation? Die morgendliche Hektik auf Strassen und im öffentlichen Verkehr könne dadurch tatsächlich entschärft werden – nicht nur für die Schüler, auch für alle anderen Verkehrsteilnehmer. «Die heutige Situation ist Unsinn», sagt Ammann, «auch aus Sicherheitsgründen». Ein späterer Unterrichtsstart hätte den Vorteil, dass Kinder und Jugendliche sich nicht länger zur morgendlichen Stosszeit auf den Schulweg begeben müssten.

Strukturen anpassen

Für Ammann ist klar: «Mittelfristig sollten sich die örtlichen Strukturen den natürlichen Bedürfnissen der Kinder anpassen – und nicht umgekehrt.» Er spricht von einer «lieblosen Nichtberücksichtigung einer gesunden und altersgerechten Entwicklung der Schulkinder».

Richard Ammann BDP-Kantonsrat SG und Lehrer (Bild: pd)

Richard Ammann BDP-Kantonsrat SG und Lehrer (Bild: pd)

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