SCHÜSSE IN AMRISWIL: Staatsanwaltschaft beantragt über 12 Jahre für Todesschützen

Der Mann, der sich am Dienstag vor dem Bezirksgericht Arbon wegen Mordes zu verantworten hat, soll in eine psychiatrische Klinik. Die Staatsanwältin forderte in ihrem Plädoyer die Anordnung einer stationären Massnahme. Die Verteidigung ist noch nicht zu Wort gekommen.

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In diesem Hochaus in Amriswil wohnten Täter und Opfer. (Bild: Rita Kohn)

In diesem Hochaus in Amriswil wohnten Täter und Opfer. (Bild: Rita Kohn)

Der Beschuldigte, ein 62-jähriger Schweizer, hat gestanden, Ende Oktober 2013 in Amriswil auf offener Strasse einen 53-jährigen Nachbarn mit Schüssen tödlich verletzt zu haben. Die Anklägerin beantragt eine Verurteilung wegen Mordes und mehrfacher Vergehen gegen das Waffengesetz − der Mann war nicht zum Tragen einer Waffe berechtigt. Sie verlangt eine Bestrafung mit zwölfeinhalb Jahren Freiheitsentzug − zweieinhalb Jahre mehr als in der Anklageschrift festgehalten − sowie einer Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu 30 Franken.

Zudem sei eine stationäre Masssnahme anzuordnen. Es dürfe nicht sein, dass der Mann nach Verbüssung der Freiheitsstrafe entlassen werde, ohne behandelt worden zu sein. In der psychiatrischen Begutachtung war dem Beschuldigten eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit emotional instabilen, paranoiden und schizoiden Zügen diagnostiziert worden. Das Rückfallrisiko für weitere Straftaten wurde als erheblich eingestuft.

Die stationäre Massnahme, also die Einweisung in eine psychiatrische Klinik, wird auch Kleine Verwahrung genannt. Dies deshalb, weil sie kein vorab festgelegtes Ende hat. Eine Entlassung hängt vom Erfolg der Behandlung ab, der periodisch überprüft wird.

Einschussloch an einer Dachrinne. (Bild: Rita Kohn)

Einschussloch an einer Dachrinne. (Bild: Rita Kohn)

Tödlicher Nachbarschaftsstreit
Die Bluttat war tödlicher Abschluss eines seit Jahren schwelenden Nachbarschaftsstreits. Die beiden Männer wohnten im gleichen Hochhaus, das Opfer direkt über dem Beschuldigten. Dieser fühlte sich vom Deutschen terrorisiert: Dieser mache dauernd Lärm. An der Hauptverhandlung sagte der Beschuldigte, «es klöpfte und tätschte über Stunden nonstop».

Allerdings war er der einzige, der je Lärm wahrnahm. Auch wenn jemand in seiner Wohnung war, hörte er nichts vom angeblichen Gerumpel. Wiederholt wandte sich der Beschuldigte an die Verwaltung, rief auch die Polizei − nirgends fand er Hilfe. Im Gegenteil − nach Einschaltung der Schlichtungsstelle wurde er angewiesen, sich eine neue Wohnung zu suchen. Am Morgen des Zügeltags schritt er zur Tat.

Das Opfer abgepasst
Gemäss Anklage steckte der Beschuldigte kurz vor 6 Uhr früh am 29. Oktober 2013 nach schlafloser Nacht und Alkoholkonsum einen Revolver und sechs Schuss Munition ein und verliess das Haus. Er stellte fest, dass das Auto des Nachbarn noch auf dem üblichen Parkplatz stand, und in der Wohnung Licht brannte: Sein Kontrahent war noch nicht zur Arbeit gegangen.

Der Beschuldigte wartete, bis der Mann herauskam, und folgte ihm zum Parkplatz. Er schoss ein erstes Mal, als der 53-Jährige ins Auto einsteigen wollte. Der Angeschossene ergriff die Flucht, der Täter feuerte weitere Schüsse auf ihn ab. Schliesslich brach der schwer Verletzte zusammen. Am nächsten Tag starb er im Spital.

Der Schütze verliess den Tatort. Er stellte sich wenig später selbst und wurde festgenommen. Seither sitzt er in Haft. «Ich bin schuldig», sagte der 62-Jährige vor Gericht. Dafür müsse er büssen. Eine Massnahme benötige er allerdings nicht. «Ich zeige keine psychischen Auffälligkeiten». (sda)